Thema Integration und Widersprüche. KLEINE SOZIOLOGIE DER ROLLE

Hinter „gesellschaftlicher“ Integration verbirgt sich alltagssprachlich vor allem eine politische Idealvorstellung. Der Begriff wird nicht selten verwendet um Grade der Zugehörigkeit oder Assimilation zu bezeichnen. Andererseits besteht kaum Klarheit darüber, wo über die Grenzen und Anforderungen der Integration endgültig entschieden werden kann. Vielleicht ist „Gesellschaft“ einfach die falsche Bezugsgröße für Integration? Zu groß, zu unübersichtlich, um über Kriterien der Integration zu informieren. Ist Integration also eine kollektive Selbsterzählung der Politik? In der Politik, vor allem in der Form des modernen Staates, geht Integration nur als Kompromiss. Hier wird weniger integriert als vorläufig still gestellt und nach innen befriedet. Schließlich soll der Staat politische Konflikte entschärfen durch innere Stabilität. Aber was wird dort integriert? Integration kann kaum meinen die Zumutungen der Kommunikation einfach still zu stellen. Diese stabile Abgrenzung wäre eher eine Beruhigung und damit das Gegenteil von Integration. Integrare heißt „einbinden“, aber auch „vervollständigen“ und „ergänzen“. Wer oder was gilt wann als (un)vollständig integriert? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Um das Problem schärfer zu stellen, lohnt sich ein Blick auf Organisationen und ihrer Mitglieder. Jede Person, die einmal mit den Grenzen einer Organisation in Kontakt gekommen ist, wird ein intuitives Gespür für die komplexen und dynamischen Erwartungen entwickelt haben, die ein Kontakt in noch unentschiedenen Situationen erfordert. Entweder als Nicht-Mitglied einem noch unbekannten Setting oder bei einem internen Interessenskonflikt, der die Idee der Mitgliedschaft einem Stresstest unterzieht. Jede (Un-)Zugehörigkeit schließt potentiell etwas weiteres anderes ein und aus, jede Assimilation produziert ihre Ungleichheiten. Das Gegenteil wäre Zurückhaltung. Das wäre nicht nur politisch, sondern auch kommunikativ ein Problem, wenn überhaupt noch emphatisch von „Gesellschaft“ oder „Integration“ die Rede sein soll. Beides braucht einen verknüpften Zusammenhang, auf den sich verweisen lässt. Politische Organisationen verstehen Integration als Beteiligungsangebot, können sie aber auch totalitär auslegen. Sie wird dann von einer Chance in eine Pflicht umgedeutet. Beide Positionen (die totalitäre sowie die inklusive) werfen aus der Perspektive einer modernen Gesellschaft, die sich in Teilbereiche mit spezialisierter Kommunikation wie Wissenschaft, Kunst oder Recht ausdifferenziert hat, zunächst einmal die Frage auf, wo, das heißt an welcher Stelle genau „integriert“ werden soll. Hier gilt Integration als regulative Idee des Zugangs. Über Zahlungen, Rechtsnormen oder wissenschaftliche Wahrheiten. Modern sein heißt gerade über diese Regularien „gut“ erreichbar zu sein. Und das bietet je nach Kommunikationskanal andere Möglichkeiten und Einschränkungen als Person berücksichtigt zu werden. Die Soziologie scheint hier dem politischen Diskurs in die Hände zu spielen: Oft geht sie von einer eher stabilen oder problematischen Abstimmung aus und bedient die Integration aus der Perspektive von Staat oder Politik. Die Referenzgröße ist dabei häufig eher die Organisation als die Interaktion unter Anwesenden. Man müsste also eher auf mehr oder weniger prekäre Statusfragen zu sprechen kommen als auf Rollen. Dabei wäre gerade der Zusammenhang dieser gleichzeitigen Abstimmung von Erwartungen in Organisation und Interaktion ein paradigmatischer Fall von Integration. Der Begriff dafür ist nicht Status, sondern Rolle. Sie hat eine formale Seite – die Organisation, und eine informelle Seite – die Interaktion. Integration meint eben die Abstimmung von etwas in etwas anderem. Dabei bleiben die Grenzen und Eigenlogiken der Systeme erhalten. Die Veränderungen der Grenzen eines der Systeme haben Auswirkungen auf die der anderen Systeme. Die Selbstunterscheidungen, die die Systeme begrenzen sind „strikt“ miteinander gekoppelt. Das heißt im Umkehrschluss, dass keineswegs die Organisation allein entscheidet welche Grenzverhältnisse Geltung haben. Sie entscheidet – aber nach Prämissen der Interaktion, die sie mit Unordnung versorgt.

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