In vielen Wissenschaftsdisziplinen kann man sich – so scheint es – über ihren Gegenstand wahrnehmungsmäßig rückzuversichern. Nicht so in der Soziologie. Man kann die ‚Anschauung‘ der Gesellschaft ideologisch erzwingen, landet dann aber nur bei ‚inhaltlicher‘ Gemeinsamkeit der Erscheinungen, die mehr über die Einstellungen aussagen, in denen Dinge ihre Gestalt gewinnen. Die Konvergenz, also das Zusammenführen, von Wahrnehmungen ist eher ein Resultat der Messapparate und genau hier liegt die Einzigartigkeit der beschreibenden Soziologie. Sie beschreibt die Anordnung der Konvergenz, die Wahrheit ihres Zustandekommens, rechnet aber nicht auf ihr Zustandekommen als solches, sondern sie hält auch das Zustandekommen der Wahrheit für unwahrscheinlich, aber möglich. Heinz von Förster hatte Objekte als Symbole von Eigenverhalten beschrieben. Die konstruktivistische soziologische Systemtheorie geht deshalb von der Beobachtung zweiter Ordnung aus. Erst wenn die Unterscheidungen markiert werden, die für Beobachter einen Unterschied machen, ist Kommunikation über Erkenntnis möglich. Wahrheit ist also die Frage nach der Möglichkeit einer Unterscheidung von wahr und unwahr. Im letzten Beitrag wurde Kunst als Möglichkeit besprochen die medialen Reserven für Abweichungen zu erkunden. Während Kunst als Medienreflexion ihre Beobachter auf die Widerständigkeit ihrer eigenen Formen zulaufen lässt und von dort aus dasselbe als anders möglich markiert, lässt sie offen, was eigentlich der Fall ist. Systeme werden nicht nur auf ihre eigene Widerständigkeit, sondern auch auf ihre eigenen Abweichungen festgelegt, da die Kunst Formen nur aus der Perspektive des wahrnehmenden Gegenübers variiert, ihre Kontingenz aber nicht reflektiert. Entgegen vorherrschender Meinungen über ihre ‚Freiheit‘ legt die Kunst sich selbst auf bestimmte Pfade der Abweichung fest. Sie ist semantisch und nicht strukturell produktiv. Gerade deshalb ist ihr Code abhängig von der Fähigkeit zur ‚positiven‘ Überraschung und negativ gebunden an ‚konservative‘ Erwartbarkeiten. Die Leitunterscheidung der Kunst ist instabil, veränderlich und rechnet auf gesellschaftliche Reintegration. Ihre Negation bleibt unvollständig anschlussfähig, da sie Medien zwar inhaltlich markiert aber nicht über die Limitationalität ihrer Formbildungen erkundet. So unterteilt sie nie Welt, sondern Gesellschaft anders. Ihre Strategie besteht darin Wahrnehmung divergent zu halten und auf die Rekonvergierung der sozialen Systeme zu rechnen. Wissenschaft geht den umgekehrten Weg. In ihr werden Medien stabil, indem ihre Formpotentiale getestet werden. Das Medium der Wahrheit als Strukturmarkierung unterscheidet sich von den Ereignissen der Form wahr/unwahr. Das Medium wird über die Verwendung seiner Formen reprogrammiert. Jede Behauptung einer Aussage als wahr muss den Bereich negativer Geltung von Unterscheidungen mitmarkieren, damit eine vorläufige Form ‚ohne Rest‘ entsteht. Eben die Radikalität dieser vorläufigen Restlosigkeit unterscheidet die Form der Wahrheit von anderen Formen symbolischer Medien. Nicht die Abweichung, sondern die Regel ‚gilt‘ als Anschluss vor dem Hintergrund ihrer Ausnahme. Norm und Regel unterscheiden sich über den Weltbezug regelhafter Erwartungen. Es wird konditioniert, aber für den Fall des ‚Umbaus‘ von Konditionen. Kommuniziert wird über die näherungsweise Häufung von Zufällen. Dabei setzt sich jene Form der Wahrheit durch, die am ehesten der Komplexität der Möglichkeiten der Kopplung der Unterscheidungen von Welt entspricht. Wahrheit als Medium ist die Serendipität (Luhmann) der Relationierung von relationalen Formen. Ein ähnlicher Gedanke findet sich in Georg Simmels Soziologie: Soziologie bestimmt die Regelhaftigkeiten erst in der formalen Wechselwirkung von Gegenständen in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit. Erst hier wird Gesellschaft ‚greifbar‘. Sie unterscheidet sich von der Politik durch die Abstraktion der Anschlüsse von sozialen Inhalten auf sachliche und temporale Formen. Relationierungen von Relationen werden in der Politik immer zur Verpflichtung des konkreten Falls auf das Handeln des Kollektivs. Wissenschaft legt mediale Distanz vor die Direktverwendung der Erscheinungen. Verwendet werden Regeln der Formalisierung zur Steigerung des Auflösungsvermögens der Erörterung der Kohäsion. Was an gesellschaftlicher Kohärenz daraus entstehen kann wird dann nicht mitkonditioniert. Erst auf der Ebene der Darstellung von Wahrheit ergibt sich eine Gleichförmigkeit divergenter Gegenstände. Dieser entspricht die Einheit der Komplexität der Beschreibung, die ein Effekt der Selektivitätsreflexion von Beobachtung ist. Ich habe diesen Sachverhalt versucht in meinem Beitrag Literature as Addressing of Eigenforms für die Luhmann Conference 2024 in Dubrovnik zu umreißen. Was passiert nun wenn die Einheit der Beschreibung mit der Wahrnehmungskompaktheit elektronischer Medien konfrontiert wird? Anders als im Buchdruck wird nicht eine wahrnehmungsmäßige Einheit kommunikativ aufgespalten, sondern die Differenzen der Kompaktheit werden bereits wahrnehmungstechnisch s(t)imuliert. An die Stelle der Gleichung tritt der datenmäßige Abgleich. Und die konvergente Annäherung an Grenzwerte? Gesellschaft tritt an den Horizont Welt heran. Die Wechselwirkung von Gegenständen als Gegenstand der Soziologie von der Simmel ausging, wird auch stärkere Wechselwirkung mit den nichtsozialen und technischen Systemen in der Kommunikation umfassen. Gesellschaft wird nicht mehr nur, wie Luhmann meinte, die Gesamtheit der Kommunination sein, sondern die Gesamtheit der Kommunikation und ihrer Umwelten in Wechselwirkung. Die nächste Soziologie wird dabei von ihrer ursprünglichen Ausrichtung Gebrauch machen können, die gerade in der Unabgrenzbarkeit ihrer Gegenstände und ihrer Disziplin liegt. Vielleicht wird sie mehr gemeinsam haben mit den Beobachtungsformen der Physik, Chemie oder Elektrotechnik. Die Gleichförmigkeit Ihrer Gegenstände wird aber auch psychisch vermittelbar bleiben müssen, sodass der Komplexität der unterscheidbaren Gegenstände eine kommunikative Form entspricht, mit der sich deutend rechnen lässt – im gleichförmig beschreibenden Medium des Textes, das Eigenformen durch Selbstreferenzunterbrechung verklammert oder auch in Medien die die Leitunterscheidungen eines einheitlichen Funktionsbezugs von vorneherein formal suspendieren. Der Grenzwert der funktionalen Einheit einer nächsten Gesellschaft beruht nicht nur auf Äquivalenz des Unterschiedenen, sondern auf struktureller Reibung, die nicht Konflikt und Distanzierung, sondern statische Anziehung stiftet. Gleichförmigkeit ist die Nähe des Unterschiedenen.
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