Aus den Kontexten gerissen. DIFFERENZ UND KONTROLLE – (IN-)DIVIDUALITÄT ALS MEDIENSELBSTSTEUERUNGSPROBLEM INSTABILER FORMEN.

„Gesellschaft lässt sich nicht errechnen.“ Dieser Satz findet sich im Vorwort von Dirk Baeckers aktuellem Buch Digitalisierung (9). Gesellschaft, könnte man hinzufügen, berechnet sich (aber nicht allein) selbst. In ihren Beschreibungen schließt sie die Erwartungsgrenzen ihrer Selbstunterscheidung vorläufig und situativ ab. Dass diese Selbstbeschreibungen nicht die Ereignisse mit erwarten, die die Strukturform der Gesellschaft beiläufig ändern, entzieht sich vorläufig bei jeder Reflexion. Kann Gesellschaft sich reflexiv, also durch negative Operativität, selbst enttäuschen, ohne aufzuhören? Erwartet Gesellschaft ihre Veränderung? Ja und nein. Es entsteht die paradoxe Situation einer erwarteten und gleichzeitig unerwarteten Enttäuschung, die erst vollständig positiv ist, wenn sie vollständig negativ (also differenzlos) ist. Gesellschaft löst das Problem negativer Verantwortlichkeit und positiver Selbstabweichung durch die disjunktive Verknüpfung von Information in Welt- und Sinnbezügen. Das würde Gesellschaft übrigens vom Staat, Sinn selbst oder der Welt als anderen, differenzlosen, aber sehr empfindlich auf Widersprüche reagierenden Einheiten unterscheiden. Es sei denn, sie würden gegenüber Widersprüchen durch totale und mangelnde Ordnung vollständig indifferent. Sinn und Welt sind keine Systeme, sondern differenzun(ter)bestimmte Einheiten und damit organisations- aber nicht ordnungslos. Sie sind kontextsensitiv und haben eine negative Ordnung. Erst durch die Organisation von Systemen werden sie aber werthaltig und empfindlich gegen Attribution als Differenz. Organisation macht Ordnung anfällig gegen Selbstdifferenz. Dasselbe Problem einer unmöglichen Indifferenz gegen (un-)geordnete Selbstwidersprüche des Sinns teilen die körpergekoppelten, wahrnehmungsbetroffenen Bewusstseine. Ihre Unordnung ist mehrwertig gekoppelte Einwertigkeit. Das wird aber nur sozial auffällig. Wenn Gesellschaft sich nicht berechnen lässt, so liegt das daran, dass (Selbst-)Beschreibung als fixierte (Selbst-)Beobachtung eben eine Form ist und (erstmal) kein Medium. Sie widerspricht sich selbst und gewinnt dadurch die Freiheit anders (oder zumindest wieder bestimmbar) zu sein. In ihren Formen erwartet sich Gesellschaft anders (als in ihren Medien). Die Aufteilung der Selbstberechnung in sich (ent-)ereignende Formen und (de-)strukturierende Medien gibt eben gerade so viel Freiraum, dass sich nicht alles in eine ewige Copie verwandelt, und so viel Einschränkung, dass sich das, was sich unterscheidet auch (hoffentlich) noch wieder verbinden lässt. „Man braucht immer ein wenig mehr Platz, als man im Moment braucht“. Man, das wäre Gesellschaft als Form und prekärer Abstand: So habe ich jedenfalls Maren Lehmanns Satz aus dem Text Negative Distanz immer verstanden und nicht, wie jemand mal zu mir meinte, als eine Art ‚kapitalistisches Bekenntnis‘.

Man könnte dieses Verstehen des Satzes, das ‚kapitalistische Bekenntnis‘, als ideologische Schrulle oder Kontextverschiebung abtun. Ganz so einfach ist es aber nicht. Man könnte den Verstehenskontext der Interaktion der mit allerhand Büchern voll gestellten 30m² großen Wohnung in Freiburg aufrufen, in der sich drei Leute über mehrere Tage aufhielten und unterhielten. Man könnte den Text aus der Ausgabe der Zeitschrift Am Strand zu Rate ziehen, in dem ich den Satz zum ersten Mal als Zitat gelesen habe. Aber auch das würde kaum reichen. Die Unterstellung liegt sicherlich auch an der Formulierung: „als man im Moment braucht“. Mit der Rede über Bedarf ist begrifflich eine marktwirtschaftliche Logik mitaufgerufen. Und Begriffe sind, um an André Kieserlings Buch Kommunikation unter Anwesenden zu erinnern, die Programme der Kommunikation (7). Je nach Begriff des ‚Brauchens‘ kann sich die Systemreferenz aber auch auf die Psyche und Körper, ihre Bedürfnisse, auf Markt oder Politik richten: Wie Formen zu arrangieren sind, wie Medien dafür zu nutzen sind, ist eine Streitfrage von (nicht nur) politischer Dimension. Da ein „Lob des Marktes“ hier noch ein anderes Mal in einem gesonderten Beitrag behandelt werden soll, beschränke ich mich heute auf eine Behandlung des Bewusstseins. Die Reorganisierung von instabilen Formen in ihren stabilen Medien ist für soziale Systeme, und darum soll es gerade in diesem Beitrag gehen auf Strukturierung durch Medien ausgelegt. ben deshalb kann die Etablierung von neuen Verbreitungsmedien, wie Dirk Baecker in seinem Buch 4.0 schreibt, als „Katastrophe“ wirken. Für Bewusstseine liegt der Sachverhalt andersherum: Sie deuten, mit Peter Fuchs gesprochen, die Sinngelegenheiten der sozialen Systeme. Man braucht hier also keinen Platz, sondern passende Stellen, auf die man dann das verplatzt, was sinnmäßig vorgefunden wird. Die Medien dafür sind instabil, die Formen stabil. Bewusstseine (de-)strukturieren sich in Formen und (ent-)ereignen sich in Medien. Man muss sich nur die wahrnehmungsmäßig diverse aber kommunikativ nicht sehr ausdifferenzierte Interaktion ansehen, um diesen Sachverhalt zu verstehen. Das steht keineswegs in Widerspruch zu Luhmanns Diktum aus seinem Buch mit Habermas, nämlich, dass moderne Kommunikation mehr Optionen bereitstelle als sich realisieren ließen. Nur ob es dann die ‚passenden‘ sind, steht auf einem anderen Blatt Papier. Struktur und Ereignis sind aus Perspektive des Bewusstseins invertiert. Das Bewusstsein wartet auf kommunikative Steuerungsgelegenheiten, um das zu sein, was es (nicht) ist – und lässt sich organisieren. Nimmt man Luhmanns Unterscheidung von Steuerung und Kontrolle aus dem Text Die Kontrolle von Intransparenz in den Blick, lässt sich lesen, dass Steuerung „als Absicht auf Veränderung bestimmter Differenzen [zu] definieren“ sei, Kontrolle hingegen „die Selbstbeobachtung eines Systems nach Steuerungsversuchen“.

Die Autopoiesis des psychischen Systems bezieht sich auf instabile kommunikative Formen, um sich selbst und seine Ansprüche als Medium stabil zu halten. Die kontrollierende Beobachtung dieses Sachverhalts wäre eine Minimaldefinition der Form (!) von Individualität. Ihrer psychischen Behauptung angesichts ihrer sozialoperativen Unmöglicheit. Dabei kehren sich die Verhältnisse der Kommunikation um: Die Copie erscheint als Differenz der unerwarteten Enttäuschung. Im Gegensatz zu sozialen Systemen spricht Luhmann im Buch Soziale Systeme der Selbstbeschreibung psychischer Systeme keine tragende Rolle für die Schließung oder Selbstbestimmung zu. Stattdessen fungieren Gefühle als immunologische Mechanismen der Steuerung von Schließung. Aus der Perspektive des Bewusstseins koppeln sie allerdings nur soziale Gelegenheiten an körperliche Reize. Damit bleibt ein Faktor unberücksichtigt: Woher wissen und wie erwarten Bewusstseine, wo ihre Grenzen liegen, wenn Gesellschaft selbst nur instabile Formen aneinanderreiht. Dass die Frage sich durch interaktive oder organisatorische Programmierung beantworten ließe ist offensichtlich, aber auch hier müssten Formen wissen, ob, wann und für wen sie welche sein könnten. Das ließe sich eben nur durch Kontakte errechnen, in den Medien die Steuerung übernehmen und von Kommunikation in ihren Formen kontrolliert werden. Hier besteht aber dass Problem und der Vorteil, das für das Bewusstsein gerade die Formen stabil und die Medien instabil erscheinen. Dem Bewusstsein kommt so die (anti-)narzisstische Rolle der Vertauschung und Erklärung zu. „Ich“ zu denken und einen Unterschied zu machen. Nicht sich selbst mit den Formen zu vertauschen: Dann wäre es (nur) Kommunikation. Sich nicht mit den Medien zu vertauschen: Dann wäre es (nur) Person. Das Bewusstsein ist individuelles Bewusstsein durch Kontrolle der Selektion der Differenz von medialem Ereignis und kommunikativer Form. Und genau so wird es sozial ohne weiteres durch die Differenz der Formen kommunikativ nicht reflektierter Medialität gesteuert. Das kann als Bewusstsein wütend machen. Einfluss auf seine Steuerung gewinnt es dadurch allein aber nicht.

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