Thema Person und Organisation. KLEINE SOZIOLOGIE DER VERSCHOBENEN ADRESSEN.

Der letzte Beitrag meiner Website hat sich mit dem Begriff der Rolle als einer strikten Kopplung der Grenzen von Organisation und Interaktion beschäftigt. Die Einführung elektronischer Medien verändert aber auch die Art und Weise wie konkrete Personen in Kommunikation involviert sind. Wenn es sich um zugänglich verschlagwortete Profile handelt, die zunehmend durchsetzungsfähig und bestimmend werden – wie hält man Person und Rolle dabei noch auseinander? Zunächst lassen sich zwei ‚Trends‘ beobachten: Zum einen eine formal stark plakative Darstellungskommunikation, die Personen auf einen bestimmten ‚Typ‘ zusammenzieht. Zum anderen eine ‚dezentrale‘ Ausrichtung, die die Möglichkeiten der kommunikativen Berücksichtigung noch stärker als im Buchdruck radikal diversifiziert, streut und schließlich ‚vermischt‘. Theoretisch kann man einen Zugang zur Person auf Ebene der kommunikativen Ansprache von den Möglichkeiten unterscheiden, die sich über die psychische Selbstversprachlichung in der Umwelt ergeben. Für die überbordenden Sinnverteilungschancen der Kommunikation bleibt allerdings immer weniger Aufmerksamkeitsspielraum. Während zum Beispiel Niklas Luhmann und Peter Fuchs die ‚Form‘ Person eher als Art Adressenformular verstehen, durch das die Person in der Kommunikation berücksichtigt werden kann, kann man aus Perspektive der Medien fragen, was sich an der Person noch tatsächlich einer Person zurechnen lässt und was dem Kommunikationskanal, der die Form der Person ‚verklammert‘. Maren Lehmann hat in ihrem Video zum Individuum der nächsten Gesellschaft darüber gesprochen, dass es dem Individuum vor allem darum gehe Distanz zu den überfordernden Möglichkeiten seiner Berücksichtigung zu gewinnen. Wie geht das? Man kann diesen Gedanken angesichts der auf Wahrnehmungssimulation ausgerichteten elektronischen und technischen Medien sogar radikalisieren und beobachten, dass die Unterscheidung von Nähe und Distanz an Dominanz für die Kommunikation verliert und gleichzeitig an Wertigkeit für die Psychen gewinnt. Distanzbedürfnis wird damit das Resultat eines Verlusts von Nähe. In einer praktischen Paradoxie ist Nähe potentielle Störung der Rolle und Distanz ein ‚unheimliches‘ und fragiles Gleichgewicht, in dem das Individuum Person wird. Sich selbst ansprechen zu lassen wäre gleichbedeutend mit einer Differenzierung des Selbst, die so komplex wird wie Kanäle, die die Psyche wahrnehmungsmäßig erreichen. Neben diesem Komplexitätserfordernis, dem die Kommunikation mit Typisierungen begegnet, ist die Frage wie die Psyche Distanz zu ihrer Ansprache und Nähe zu Ihrer Aussprache gewinnt. Während Luhmann und Fuchs für die moderne Buchdruckgesellschaft noch die Bedeutung der Unperson, der in der Kommunikation verdeckten Anteile der Person hingewiesen haben und damit Verdrängung als eine riskante soziale Strategie und gleichzeitig das Unangesprochene als ‚Reserve‘ beschreiben, stellt sich die Frage wie es um diese ‚anderen‘ Seiten der Person in der Gesellschaft elektronischer Medien bestellt ist. Die medienwissenschaftliche Antwort darauf ist nicht Verdrängung, sondern der Bruch von Wahrnehmung und Kommunikation um den Preis des Risikos. Statt von Unpersonen kann man von ‚Depersonalisierungen‘ sprechen: von abweichenden Personen die für die Chance des Selbstausdrucks um Anschlussfähigkeit werben müssen. Wichtig zu verstehen ist, dass Annahme nicht Integration meint und hierin eine Chance liegt. Jede Ablehnung ist außerdem eine Chance der Fortsetzung der Kommunikation unter anderen (!) Prämissen. An anderen Stellen und in anderen Formen. Und jede zur Normierung der Kommunikation neigende Organisation braucht diese Selbstabweichungsstrategien. Um als Adresse in der Umwelt von Psychen mit unüberblickbar diversifizierten Erwartungen ‚relevant‘, das heißt deutungsmäßig anschlussfähig, zu bleiben. Die Kopplung von Verschlagwortung und Typisierung bedient zwar den Vereinfachungsbedarf und Diversifizierungsbedarf der Psychen. In Interaktionssystemen, die wie André Kieserling und Niklas Luhmann aufgezeigt haben entdifferenzierend ‚gebaut‘ sind, sind die Verhältnisse allerdings nicht von Normierung, sondern von Normalisierung geprägt: Nicht die Psychen und ihre Adressen als Person werden typisiert, sondern die Situationen. Normalität ist ein situatives, kein personelles Konstrukt. Auch wenn das für Organisationen mit ihrer strikten Mitgliedschaftskopplung dasselbe sein kann. Die Frage für die Interaktion bleibt: Wie abweichungstolerant sind die Medien der Psychen in einer Situation, die ihre Wahrnehmung steuern? Was wenn der Wahrnehmungseindruck nicht nur kompakt, sondern auch komplex (vernetzt) ist? Wenn Kunst, wie Armin Nassehi vorschlägt, Medienreflexion ist, beginnt hier der Bereich in dem diese Verhältnisse aus der Kompaktheit in die Kommunikation überführt und differenziert werden können, um die Limitationalität der Kanäle zu erkunden über die etwas verbreitet wird. Was aber, wenn eine (!) Organisation dieses Verstehen dominant auf typisierte Personen zurückrechnen will und das über Mitgliedschaft konditioniert? Was wenn die Interaktion so organisiert wird, das Normalität und Normierung ineinsfallen? Jede Organisation kann in ihrem eigenen Fortsetzungsinteresse nur daran arbeiten ihre Interaktionspielräume auf die Komplexität der Umwelt anzupassen in der sie sich reproduziert und das situativ symbolisch divers (!) zu vertreten. Symbolisch divers bedeutet in diesem Zusammenhang sich den Psychen und ihren abweichenden Deutungsspielräumen nicht zu verweigern, sondern sich zu öffnen und zu lernen – und das durch die Änderung von reflexiven (!) Erwartungen auf Ebene der Kommunikation, denn eine Psyche kann im Stadium der Desintegration ‚überleben‘. Sie wäre formloses Bewusstsein ihrer selbst und dadurch nichts weniger als sie selbst. Eine Organisation würde schlichtweg irrelevant werden und verschwinden. Was bleibt wäre Interaktion ohne zentrierbaren Sinn, also ohne Deutungsgelegenheiten mit Abweichungsmöglichkeit (!). Ob die Person eine Person oder eine Rolle wäre, wäre unentscheidbar. Außer durch Zurechnung auf Person oder die normierenden Konditionierungsentscheidungen einer Organisation. An diesem Ort beginnt jeder Wechsel von innen nach außen. Die Grenze zieht sich, indem sie durchgestrichen wird. Und so ist man bei sich, wenn man am wenigsten bei sich ist. Die Frage ist: Wie komplex muss eine einheitliche (?) Operation werden, wie inkohärent kann eine komplexe Situation sein, um eine Minimaldifferenz zwischen Interaktion und Organisation in der Rolle als Person zu verwirklichen? Person als Selbstansprache und Selbstaussprache ist der Spielraum der Rolle. Wenn Rekursion als ‚calling‘ der Unterscheidung Identität erzeugt, ist Selbstdiversität an Exkursion gebunden. Wie offen und intelligent nutzt ein System im Fall von Mobilität (s)eine mediale Infrastruktur? Besonders im Fall von Interaktion, die Kommunikation und Wahrnehmung durch den Zwang der Mitteilungszurechnung vertauscht. Hier liegt die Limitationalität der unordentlichen Interaktion, indem sie auch die Zurechnungen typisiert. Ihre kontingente Chance liegt darin die Situation in ihrer intersystemischen Komplexität zu bezeichnen – und eine weitere Unterscheidung zu treffen.

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