• Aus den Kontexten gerissen. DIFFERENZ UND KONTROLLE – (IN-)DIVIDUALITÄT ALS MEDIENSELBSTSTEUERUNGSPROBLEM INSTABILER FORMEN.

    „Gesellschaft lässt sich nicht errechnen.“ Dieser Satz findet sich im Vorwort von Dirk Baeckers aktuellem Buch Digitalisierung (9). Gesellschaft, könnte man hinzufügen, berechnet sich (aber nicht allein) selbst. In ihren Beschreibungen schließt sie die Erwartungsgrenzen ihrer Selbstunterscheidung vorläufig und situativ ab. Dass diese Selbstbeschreibungen nicht die Ereignisse mit erwarten, die die Strukturform der Gesellschaft beiläufig ändern, entzieht sich vorläufig bei jeder Reflexion. Kann Gesellschaft sich reflexiv, also durch negative Operativität, selbst enttäuschen, ohne aufzuhören? Erwartet Gesellschaft ihre Veränderung? Ja und nein. Es entsteht die paradoxe Situation einer erwarteten und gleichzeitig unerwarteten Enttäuschung, die erst vollständig positiv ist, wenn sie vollständig negativ (also differenzlos) ist. Gesellschaft löst das Problem negativer Verantwortlichkeit und positiver Selbstabweichung durch die disjunktive Verknüpfung von Information in Welt- und Sinnbezügen. Das würde Gesellschaft übrigens vom Staat, Sinn selbst oder der Welt als anderen, differenzlosen, aber sehr empfindlich auf Widersprüche reagierenden Einheiten unterscheiden. Es sei denn, sie würden gegenüber Widersprüchen durch totale und mangelnde Ordnung vollständig indifferent. Sinn und Welt sind keine Systeme, sondern differenzun(ter)bestimmte Einheiten und damit organisations- aber nicht ordnungslos. Sie sind kontextsensitiv und haben eine negative Ordnung. Erst durch die Organisation von Systemen werden sie aber werthaltig und empfindlich gegen Attribution als Differenz. Organisation macht Ordnung anfällig gegen Selbstdifferenz. Dasselbe Problem einer unmöglichen Indifferenz gegen (un-)geordnete Selbstwidersprüche des Sinns teilen die körpergekoppelten, wahrnehmungsbetroffenen Bewusstseine. Ihre Unordnung ist mehrwertig gekoppelte Einwertigkeit. Das wird aber nur sozial auffällig. Wenn Gesellschaft sich nicht berechnen lässt, so liegt das daran, dass (Selbst-)Beschreibung als fixierte (Selbst-)Beobachtung eben eine Form ist und (erstmal) kein Medium. Sie widerspricht sich selbst und gewinnt dadurch die Freiheit anders (oder zumindest wieder bestimmbar) zu sein. In ihren Formen erwartet sich Gesellschaft anders (als in ihren Medien). Die Aufteilung der Selbstberechnung in sich (ent-)ereignende Formen und (de-)strukturierende Medien gibt eben gerade so viel Freiraum, dass sich nicht alles in eine ewige Copie verwandelt, und so viel Einschränkung, dass sich das, was sich unterscheidet auch (hoffentlich) noch wieder verbinden lässt. „Man braucht immer ein wenig mehr Platz, als man im Moment braucht“. Man, das wäre Gesellschaft als Form und prekärer Abstand: So habe ich jedenfalls Maren Lehmanns Satz aus dem Text Negative Distanz immer verstanden und nicht, wie jemand mal zu mir meinte, als eine Art ‚kapitalistisches Bekenntnis‘.

    Man könnte dieses Verstehen des Satzes, das ‚kapitalistische Bekenntnis‘, als ideologische Schrulle oder Kontextverschiebung abtun. Ganz so einfach ist es aber nicht. Man könnte den Verstehenskontext der Interaktion der mit allerhand Büchern voll gestellten 30m² großen Wohnung in Freiburg aufrufen, in der sich drei Leute über mehrere Tage aufhielten und unterhielten. Man könnte den Text aus der Ausgabe der Zeitschrift Am Strand zu Rate ziehen, in dem ich den Satz zum ersten Mal als Zitat gelesen habe. Aber auch das würde kaum reichen. Die Unterstellung liegt sicherlich auch an der Formulierung: „als man im Moment braucht“. Mit der Rede über Bedarf ist begrifflich eine marktwirtschaftliche Logik mitaufgerufen. Und Begriffe sind, um an André Kieserlings Buch Kommunikation unter Anwesenden zu erinnern, die Programme der Kommunikation (7). Je nach Begriff des ‚Brauchens‘ kann sich die Systemreferenz aber auch auf die Psyche und Körper, ihre Bedürfnisse, auf Markt oder Politik richten: Wie Formen zu arrangieren sind, wie Medien dafür zu nutzen sind, ist eine Streitfrage von (nicht nur) politischer Dimension. Da ein „Lob des Marktes“ hier noch ein anderes Mal in einem gesonderten Beitrag behandelt werden soll, beschränke ich mich heute auf eine Behandlung des Bewusstseins. Die Reorganisierung von instabilen Formen in ihren stabilen Medien ist für soziale Systeme, und darum soll es gerade in diesem Beitrag gehen auf Strukturierung durch Medien ausgelegt. ben deshalb kann die Etablierung von neuen Verbreitungsmedien, wie Dirk Baecker in seinem Buch 4.0 schreibt, als „Katastrophe“ wirken. Für Bewusstseine liegt der Sachverhalt andersherum: Sie deuten, mit Peter Fuchs gesprochen, die Sinngelegenheiten der sozialen Systeme. Man braucht hier also keinen Platz, sondern passende Stellen, auf die man dann das verplatzt, was sinnmäßig vorgefunden wird. Die Medien dafür sind instabil, die Formen stabil. Bewusstseine (de-)strukturieren sich in Formen und (ent-)ereignen sich in Medien. Man muss sich nur die wahrnehmungsmäßig diverse aber kommunikativ nicht sehr ausdifferenzierte Interaktion ansehen, um diesen Sachverhalt zu verstehen. Das steht keineswegs in Widerspruch zu Luhmanns Diktum aus seinem Buch mit Habermas, nämlich, dass moderne Kommunikation mehr Optionen bereitstelle als sich realisieren ließen. Nur ob es dann die ‚passenden‘ sind, steht auf einem anderen Blatt Papier. Struktur und Ereignis sind aus Perspektive des Bewusstseins invertiert. Das Bewusstsein wartet auf kommunikative Steuerungsgelegenheiten, um das zu sein, was es (nicht) ist – und lässt sich organisieren. Nimmt man Luhmanns Unterscheidung von Steuerung und Kontrolle aus dem Text Die Kontrolle von Intransparenz in den Blick, lässt sich lesen, dass Steuerung „als Absicht auf Veränderung bestimmter Differenzen [zu] definieren“ sei, Kontrolle hingegen „die Selbstbeobachtung eines Systems nach Steuerungsversuchen“.

    Die Autopoiesis des psychischen Systems bezieht sich auf instabile kommunikative Formen, um sich selbst und seine Ansprüche als Medium stabil zu halten. Die kontrollierende Beobachtung dieses Sachverhalts wäre eine Minimaldefinition der Form (!) von Individualität. Ihrer psychischen Behauptung angesichts ihrer sozialoperativen Unmöglicheit. Dabei kehren sich die Verhältnisse der Kommunikation um: Die Copie erscheint als Differenz der unerwarteten Enttäuschung. Im Gegensatz zu sozialen Systemen spricht Luhmann im Buch Soziale Systeme der Selbstbeschreibung psychischer Systeme keine tragende Rolle für die Schließung oder Selbstbestimmung zu. Stattdessen fungieren Gefühle als immunologische Mechanismen der Steuerung von Schließung. Aus der Perspektive des Bewusstseins koppeln sie allerdings nur soziale Gelegenheiten an körperliche Reize. Damit bleibt ein Faktor unberücksichtigt: Woher wissen und wie erwarten Bewusstseine, wo ihre Grenzen liegen, wenn Gesellschaft selbst nur instabile Formen aneinanderreiht. Dass die Frage sich durch interaktive oder organisatorische Programmierung beantworten ließe ist offensichtlich, aber auch hier müssten Formen wissen, ob, wann und für wen sie welche sein könnten. Das ließe sich eben nur durch Kontakte errechnen, in den Medien die Steuerung übernehmen und von Kommunikation in ihren Formen kontrolliert werden. Hier besteht aber dass Problem und der Vorteil, das für das Bewusstsein gerade die Formen stabil und die Medien instabil erscheinen. Dem Bewusstsein kommt so die (anti-)narzisstische Rolle der Vertauschung und Erklärung zu. „Ich“ zu denken und einen Unterschied zu machen. Nicht sich selbst mit den Formen zu vertauschen: Dann wäre es (nur) Kommunikation. Sich nicht mit den Medien zu vertauschen: Dann wäre es (nur) Person. Das Bewusstsein ist individuelles Bewusstsein durch Kontrolle der Selektion der Differenz von medialem Ereignis und kommunikativer Form. Und genau so wird es sozial ohne weiteres durch die Differenz der Formen kommunikativ nicht reflektierter Medialität gesteuert. Das kann als Bewusstsein wütend machen. Einfluss auf seine Steuerung gewinnt es dadurch allein aber nicht.

  • Thema Information und Verantwortung. KLEINE SOZIOLOGIE DER (REPRESSIVEN) KOMMUNIKATION IN DER ERZIEHUNG

    Im letzten Beitrag ging es hauptsächlich das Problem der Zurechnung des Mitteilungshandelns vor dem Hintergrund elektronischer und technischer Medien in der Kommunikation. In dieser Situation erscheinen aus politischer und rechtlicher Perspektive striktere gemeinschaftliche Kopplungslogiken, Isolation des Bewusstseins und personal identifizierende Zurechnungslogiken als Lösungen von Selbstblockierungen des Sinns in Netzwerken. Diese identifikatorischen Lösungen, das kann man bei Jörg Räwel nachlesen, treten in bestimmten Ausformungen im Rahmen stärkerer Moralisierung auf. Die normative Auslegung einer erwartungswertge- oder be-ladenen Unterscheidung und ihre Kopplung an moralisch grundierte (Be-)Achtungslogiken an einen Präferenzwert findet sich aber nicht nur in Politik und Recht, sondern ebenso in der Erziehung. Prinzipiell teilen alle symbolischen Medien dieses Konstrukt, sie unterscheiden sich aber in den Graden der Personalisierung und Zurechnung des (Miss-)Erfolgs. Es ließe sich vermuten dass diese Rationalitäten (Politik, Recht, Erziehung), formalistisch gesprochen, zu (organisatorisch-personellen) „Dominaten“ in der Gesellschaft elektronischer Medien werden könnten. Die dabei auftauchenden Probleme sind als Randphänomene bereits aus der ‚distanzlosen‘ Interaktion unter Anwesenden bekannt, nur wurden sie dort für die Psyche nicht zum Problem, da diese sich strukturoperativ kaum von ihrer Konditionierung unterscheiden konnte. Mit der Durchsetzung von anderen Verbreitungsmedien in der Kommunikation änderte sich das. Nicht nur die Mitteilung mit der Sprache, sondern auch das Verstehen mit der Schrift und die Kontexte der Kommunikation mit dem Buchdruck konnten reflexiv (um-)bestimmt werden. Durch Widerspruch gegen die Mitteilung, gegen das Verstehen, gegen die Rationalitäten der systemischen Kontexte kommt der Eigensinn des Bewusstseins in die Organisation der Psyche und Bewegung als Differenz in die Kommunikation. Sinneswahrnehmung ist kommunikativ nur in Distanz zu sich selbst zu verantworten. Das scheint im Zeitalter elektronischer Medien vergessen zu werden oder zumindest nur erinnerbar durch paradoxe kommunikative Ostension. Wer will es den Bewusstseinen bei der operativen Schnelligkeit der Elektronik auch verübeln. Darauf eingestellt sind sie jedenfalls (noch) nicht. Liest man eine frühe Definition des Medienbegriffs im Kapitel Kommunikation und Handlung aus Luhmanns Soziale Systeme wird die Sprache explizit noch nicht zu den Verbreitungsmedien gerechnet, sondern tritt als deren Ermöglichung auf. Einige Seiten zuvor legt Luhmann dabei den Fokus auf die funktionale Differenz bei der Distanzierungsleistung der Sprache und nimmt sie als entlastende Kontingenzunterbrecherin in den Blick. Man kann dazu lesen:

    „Bei sprachlicher Kommunikation tritt denn auch die Abhängigkeit des Kommunikationsprozesses von der Beobachtungsgabe des Ego und von all ihren Ambivalenzen zurück. Ego muß die Differenz nicht nur sehen können, sie wird ihm unzweideutig aufgedrängt. Alter spricht zu ihm über etwas. Und selbst wenn Alter über sich selbst oder über sein Sprechen sprechen wollte, er würde immer noch jene Differenz reproduzieren, nämlich etwas an sich selbst oder an seinem Sprechen als Information behandeln zu müssen, die er mitzuteilen wünscht. Angesichts von Sprachverhalten kann Ego sich also darauf verlassen, daß die Differenz, die Kommunikation konstituiert, bereits hergestellt ist. Er kann sich entsprechend entlastet fühlen. Seine Aufmerksamkeit ist freigestellt für das Verstehen dessen, was gesagt wird.“ 209f.

    Verstehen ist nicht das Annehmen der Kommunikation. Wohl aber stellt sich die Frage wie Sprache über die Semantik ihres Unterscheidungsgebrauchs eine Situation nicht zunächst einmal in ihrer doppelten Kontingenz einschränkt, ohne das von einer Selektion oder Differenz zu sprechen wäre? Wirklich klar wird diese Unterscheidung von Struktur und Semantik aber erst durch die Schrift und mit ihrer Möglichkeit die Formen der Kommunikation in genauer auf ihre Veränderung und Veränderlichkeit hin zu beobachten. Aber auch hier braucht jedes Sinnsystem einen Reflexionsmodus für die Beobachtung der (Kontingenz [in] der) eigenen Geschichte. Es muss nicht nur kulturalisiert und sozialisiert, sondern ebenso historisiert sein. Und medienerprobt. Die kontingente Mitteilung als Selektion gewinnt ihren Wert erst wenn sie von einer kontingenten Information als Selektion unterschieden und kontingent verstanden werden kann. Dazu muss jede Information einen Unterschied machen, der auf eine Strukturveränderung zielt (also einen Unterschied macht). Das hat Luhmann aus Batesons Informationsbegriff abgeleitet. Das Problem der Kommunikation in Netzwerken besteht nun darin, dass sie sich zwar wie in sozialen Systemen über Anschlüsse definieren (auch Systeme sind Netzwerke ihrer Operationen), aber Ausschlüsse nur auf Ebene des Kontakts vornehmen können. Das wiederum liegt am Problem der Information, die als Selektion an der Mitteilung hängt, wie das Segelboot am Wind. Die Person als „Rettungsanker“ der sich selbstbestimmenden Schließung jedes Systems über Handlungszurechnung muss ihre Unterscheidungen enttäuschen (=) lernen, und nicht nur ihre Erwartungen enttäuschen (= sich so) lassen. Im Internet habe ich dazu vor einiger Zeit ein Luhmann-Meme gefunden. Der Bildbereich des Memes im Hintergrund zeigt ein Foto von Luhmann, der sich lachend oder lächelnd, die Hände gefaltet, auf seine Bücher und ihre Übersetzungen stützt und in die Kameralinse gegenüber sehend die ihn wahrnehmenden Betrachter:innen fokussiert. Über den Bildbereich geschrieben findet sich folgender Text:

    „I will never let you down!

    It’s your expectational structure that might need some fixin‘.“

    Ich habe das Meme, weil es mich irritiert hat, bei meinen Vortrag für die Luhmann-Conference 2024 in Dubrovnik verwendet, um über die Perspektiviertheit und Unabschließbarkeit von Erwartungen zu sprechen. Der erste Satz des Meme-Textes suggeriert Erwartungssicherheit, die der zweite ist eine vage Enttäuschung der eben erst entstandenen Erwartungssicherheit. Man steht wieder im Unbestimmten mit der Frage, was eigentlich das Problem ist, auf das sich diese Lösung bezieht. Trotzdem bilden die Sätze aus der Perspektive der kommunikativen Verantwortung keinen Widerspruch. Für mich liegt der Reiz dieses Memes darin, auf eine Person zu verweisen, sie abzubilden, obwohl das Bewusstsein (für mich) hinter der geschriebenen bzw. projizierten Kommunikation verborgen ist. Die Perspektive des Bildes, die Worte, die Luhmann in den Mund gelegt werden, sie alle dezentrieren die Person als Zurechnungsfolie kommunikativ und halten sie wahrnehmungsmäßig zusammen. Entgegen der anscheinenden Evidenz der Bilder nutzen wir Text wie hier oft als Aufgabe der Konstruktion und Dekonstruktion von Erwartungen ohne einen direkten Hinweis auf die Wahrnehmung der anderen Seite. Wenn man (den) Text nicht zynisch, also nicht als Abweisung versteht, dann ist die Information nicht mehr personell, sondern reflexiv strukturierend, in der Paradoxie zwischen Husserls Unterscheidung von Anzeichen und Ausdruck. Was ‚mich‘ enttäuscht, enttäuscht ‚mich‘ in der Kommunikation weil ‚ich‘ die ‚andere Person‘ oder ‚mich‘ als ein Anzeichen für einen Ausdruck der Enttäuschung nehme. „In der kommunikativen Rede“, so Luhmann in demselben Kapitel, „fungieren alle Ausdrücke alle Anzeichen.“ (202) Anzeichen von was? Von Sinn, Kommunikation, Gesellschaft oder Welt? Die Antwort ist weniger relevant als die Tatsache das die Ausdrücke als Anzeichen fungieren.

    „Was immer als Einheit fungiert, wird zur Einheit durch die Einheit eines selbstreferentiellen Systems. Es ist weder von sich her Einheit noch allein durch die Selektionsweise eines Beobachters, es ist weder objektive noch subjektive Einheit, sondern Bezugsmoment der Verknüpfungsweise des Systems, das sich durch eben diese Verknüpfung reproduziert.“ 240

    Es gibt keine flexible Erwartungsstruktur des Bewusstseins ohne ein (vorgestelltes) Gegenüber. Das können auch als kontingent akzeptierte Einheiten (wie Gesellschaft) sein und nicht nur die Person, bei der uns das mit der Kontingenz einerseits wahrnehmungsmäßig schwer fallen kann und andererseits erfahrungsmäßig oft schwer zu verkraften ist. Sie soll ja für kommunikative Erwartbarkeit Zurechnung stiften, sie soll Mitteilungen konfirmieren, sie soll Kommunikation als Handeln kondensieren lassen, ausreichend informieren, eben als „Erwartungskollage“ funktionieren und enttäuscht gerade deshalb manchmal über alle Maßen. Dennoch funktioniert im Luhmann-Meme die Enttäuschung als eine Erwartung höherer Ordnung. Weil es sichtbar macht, dass auch die Enttäuschung mal eine Erwartung war. Sie ist eben eine negative Erwartung und nicht nichts. Aus der Perspektive der Kommunikation sind negative Erwartungen nicht schlechter als positive. Sie machen die selektiven Akkordierungen der Kommunikation aber komplexer. Genaugenommen gibt es aber ohne (minimale) Enttäuschung auch keine Information. Auch wenn wir uns als Personen darüber nicht immer freuen. Die Mitteilung einer Information muss verstanden und missverstanden, angenommen und abgelehnt werden können, damit es weiter geht und man weiß, wo man gerade nicht mehr suchen muss. Selbst wenn die Mitteilung erst durch ihr Verstehen zu einer solchen gemacht wird, sie muss im Verlauf der Anschlusskommunikation doppelt kontrolliert und als Form mit den Personen ausdifferenziert werden. Ego und Alter sind eben nicht notwendigerweise Personen, sondern kontingente Positionen, die wechseln können, und – noch wichtiger – sich unterscheiden müssen. Man kann abweichen, sich der Voraussage entziehen. Die Frage bleibt, wie flexibel die Unterscheidungen sind, die die Situation strukturieren. Wenn man im „Ich“ und „Du“ nur bestimmte, nicht enttäuschbare Erwartungen erwartet oder eben nur Enttäuschungen, dann sind die Spielräume für Abweichungen nicht besonders groß. Hier kommt durch die Hintertür der Erfolgsdruck ins Spiel. Erfolg ist aber nur aus bürgerlicher Perspektive die Kehrseite des Scheiterns. Sozial und psychisch wäre ein Annahmedruck aller Kommunikationen fatal. Es geht also um ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten von Berücksichtigung, nicht um Zwang. Wir sollten also mit der Selbstverständlichkeit von Erwartungen über Enttäuschungen reden, weil sie auch Erwartungen sind. Und Erwartungen äußern, um sie auch enttäuschen zu lassen. Dabei sollten Symbole das Erleben nicht verstellen. Wer sich mit den Symbolen des Erfolgs verwechselt, kann sie nicht benutzen und verschenkt ihren Spielraum als Medien.

    „Das Offensein für Neukonditionierung beruht auf derselben Bedingung wie die Negativität, nämlich auf der Doppelung der Kontingenz: Ego erfährt Alter als alter Ego. Er erfährt mit der Nichtidentität der Perspektiven aber zugleich die Identität dieser Erfahrung auf beiden Seiten. Für beide ist die Situation dadurch unbestimmbar, instabil, unerträglich. In dieser Erfahrung konvergieren die Perspektiven, und das ermöglicht es, ein Interesse an Negation dieser Negativität, ein Interesse an Bestimmung zu unterstellen.“ 172

    Das findet sich im vorherigen Kapitel des Buchs Soziale Systeme im Kapitel über Doppelte Kontingenz. Was aber für den Fall in dem sich diese Positionen in ihrer Differenz nie entwickeln konnten? Wenn Erziehung die Konditionierung der Formen ist, in denen (möglicherweise) beobachtet werden kann, stellt sich die Frage nach Identität und Differenz noch einmal anders. Hier geht es um die Identität der Perspektiven vor dem Hintergrund der Nicht-Identität dieser Erfahrung auf beiden Seiten. Repressiv ist Erziehung aber nicht dort, wo sie (sich) auf Formen der Beobachtung festlegt. In diesem Fall Sonderfall wäre die Erfahrung auf beiden Seiten ebenfalls identisch. Auch nicht wenn sie darauf hinausläuft, dass sie die Formen ihrer Konditionierung selbst enttäuscht. Erziehung ist dort repressiv, wo sie die wahrnehmungsmäßige Differenz einer Situation aus der Perspektive normativer Erwartung mit der Identität einer bestimmten Erfahrung auf allen Seiten konvergieren lässt und danach diese Mitteilung als moralisierende Handlung depersonalisiert. Wissenschaft würde hier auf Welt zurechnen und das Erleben thematisieren. Politik würde die wahrnehmungsmäßige Differenz kommunikativ tilgen, sich angreifbar machen oder hinter die Organisation ducken. In der Wissenschaft stünde anstelle der bestimmten Erfahrung das unbestimmte, aber kommunikativ bestimmbare Erleben. Repressive Erziehung beginnt aber dort, und das entgegen der alltäglichen Vorstellung einer kommunikativen Beeinflussung, wo über bestimmte und trotz unbestimmter Erwartungen noch zugerechnet, aber nicht mehr tatsächlich kommuniziert wird, nicht gehandelt, sondern sich nach der vorgestellten Norm ausgerichtet und verhalten wird. Eine ausgesprochene, explizierte Festlegung auf die Norm wäre unter Absehung von weiteren Pressionen keine Festlegung mehr und in jedem Fall Anlass zum Widerspruch. Wirklich normiert und damit in ihrer Kontingenz bewusst wird Sprache allerdings erst wirklich im Buchdruck. Erst hier wird die Mitteilung vom Akzeptanzdruck entlastet. Wenn Interaktion dominiert, bleibt die normierende Moral als Drohung im Hintergrund und bringt die Kommunikation um einen Teil ihres Informationswerts und die Positionen um einen Teil ihrer Kontingenz. Die Mitteilung wird nicht inkontingent aber die Differenz kann kommunikativ nicht vollständig ausgebildet werden. Es geht also um jene Aspekte der Wahrnehmung und Kommunikation die sinnmäßig von beiden Seiten „unterdrückt“ werden, aber dennoch Teil der Erwartungsbildung sind. Vor dem Hintergrund der wahrnehmungsintensiven aber distanzierten Kommunikation über elektronische Medien ist das fatal. Der Identität der Perspektiven entspricht dann im schlechtestmöglichen Fall die Identität der Erfahrung auch ohne Erziehung und Kommunikation wird (nur noch) an ihrer technischen Übertragung gemessen. Anschlussfähigkeit und Identität koinzidieren. Kommunikation, so Luhmann, ist eben nicht Übertragung, sondern reflexiv strukturelle Konvergenz und Überlagerung des wahrnehmungsmäßig Divergenten als kommunikative Einheit dieser Differenz. Jedes System stört sich selbst. Ein Jenseits von Identität in der radikalen Differenz. Und nicht andersherum. Fatal wird es, wenn Störung und Begrenzung, wie im Fall von dichten Netzwerken, dasselbe sind. Dafür wäre im Anfang jede Einheit von Identität zu trennen und die Differenz zwischen Einheit und Identität wäre conditio sine qua non (also Minimalbedingung) jeder verantwortungsvollen Kommunikation.

    „Verantwortung ist der ungedeckte Informationswert einer Entscheidung, der Überschuß an Information, die jemand gibt, im Vergleich zu der, die er erhalten hat. Das Ausmaß an Verantwortung – Verantwortung lässt sich, jedenfalls in der Theorie, als Differenz von Informationsgrößen messen – richtet sich somit nach dem Stand der Informationen eines Systems und nach der Sinnstruktur eines Feldes anderer Möglichkeiten, die durch eine Information ausgeschlossen werden.“ 175

    Das (Miss-)Verstehen, so ließe sich die obige Passage des Kapitels Verantwortung und Verantwortlichkeit aus Luhmanns Buch Funktionen und Folgen formaler Organisation verstehen, muss die fehlenden Differenzen auf Seiten der Mitteilung durch die Redundanzen auf Seite der Information sinnmäßig auffangen, um ein vertretbares (Ver-)Antworten zu ermöglichen. Es wird in Kontexten mit hohem Erwartungsdruck und beschleunigter wahrnehmungsgebundener Kommunikation für ein Bewusstsein schwerer, diese Komplexität so psychisch zu organisieren, dass Informationsreflexion gegen das Risiko von vorschneller (Ver-)Bindung oder vorschnellem Kontaktabbruch abgesichert ist. Das wäre die Aufgabe verantwortungsvoller Kommunikation und Erziehung. Sie wäre das Komplement zur spätmodernen Nachhaltigkeit. Diese (zweitere) würde sich von jener (ersterer) darüber informieren lassen, dass Redundanzen als Differenzen verstanden werden müssen: Dass von einer Mitteilung (nicht nur zu) viele Informationen erwartet werden könnten. „Requisite variety“ eben. Enttäuschend ist nur, wenn man sie und sich nicht mehr auseinanderhalten kann. Das, und das zeigen die Fehler der Erziehung, führt organisatorisch leider häufiger zu entschiedener Verantwortlichkeit als zu entscheidender Verantwortung.

  • Was ist eine Mitteilung und warum benutzt Kommunikation Zurechnung? FÜR EIN ‚ENTGEGEN‘ EINER ALLEIN (!)RECHTSPOLITISCHEN AUSLEGUNG VON LUHMANNS MITTEILUNGSBEGRIFF

    Kann nicht nur Kommunikation kommunizieren? Zumindest teilen sich Personen mit – aus Perspektive der Kommunikation. Natürlich steckt hinter der Sozialdimension des Sinns eine psychische Verunklarung. Und das mit gutem Grund. Wie Peter Fuchs in zahlreichen Publikationen gezeigt hat, ist die Psyche nur geschlossen und damit über das Einzelbewusstsein hinaus öffnungsfähig, wenn sie an Kommunikation strukturell gekoppelt ist. Strukturelle Kopplung heißt immer auch, dass das Bewusstsein, in dem Sinn unbegrenzt flottieren kann, unterbrochen wird. Psyche ist die kommunikative Organisation des Bewusstseins. Seine doppelte Schließung. Psychosoziale Formatierung ist bewusstseinsmäßige Korruption. Und das auch in einem durchaus „positiven“ Sinn des Korruptionsbegriffs wie er sich bei Krešimir Žažar und Steffen Roth findet. Wenn Kommunikation Person als Adresse der Psyche nutzt entsteht eine Mitteilung. Diese für die Kommunikation notwendige kausale Zurechnung des Mitteilungshandelns auf die Elena Esposito bei Luhmann hingewiesen hat ist eine „notwendige erste Lüge“. Eine Paradoxie. Aus der Perspektive des Einbaus von technischen Systemen in die Umwelt der Kommunikation wird jedoch gerade dieses „Erwartungsbündel“ Person problematisch. Wie funktioniert Zurechnung im Fall autologischer technischer Systeme? Ein öffentlich und vor allem rechtlich hochbrisantes Thema, das gerade aus der Rechtsperspektive u.a. von Fatima Kastner beforscht wird. Wenn Person ein Filter und eine Organisation von Rollenerwartungen ist, können wir mitverfolgen wie angesichts der „Autologien“ technischer Systeme die Person als Zurechnungsfolie auch mitunter durchgestrichen wird, und das bringt die Kopplungsmodi von Kommunikation und Bewusstsein gehörig durcheinander. Ein anderer Fall ist die Kollektivierung oder Isolierung von Personen. Aus rechtlicher Perspektive ist die Person nicht nur Erwartungsfilter, sondern auch Erwartungsschutz vor den wahrnehmungsmäßigen Zumutungen der Kommunikation. In der Politik ist sie Attraktorin und Repräsentantin. Es gilt zu verstehen dass Kommunikation und Bewusstsein bereits sinnmäßige Einteilungen der Welt sind. Sie haben allerdings eine mediale Grundlage. Eine Soziologie, sofern sie nicht nur eine Rechtfertigung der Gesellschaft der Gesellschaft oder die Legitimation von (para)wissenschaftlichen Geltungsansprüchen sein will, muss immer wieder darauf hinweisen, dass diese Einteilungen kontingent sind. Luhmanns theoretische Interessenverlagerung aus dem Recht über die Verwaltungswissenschaft in die Soziologie ist ein Symptom, dass angesichts technischer Systeme normative Erwartungen mit personalem Fokus nicht ausreichen um der für die Möglichkeit von Gesellschaft notwendigen Eigenkomplexität der Beschreibung von Systemordnungen gerecht zu werden. Auf dem Spiel steht eine Repräsentation und eine Zurechnung, die längst keine vollständige mehr ist, aber auch keine „an-ständige“, „ab-ständige“ oder „eigen-ständige“ sein könnte. Sie schreibt sich ständig selbst mit auf die Liste und wundert sich über ihre eigene (Un-)Zugehörigkeit. Ihre Ethik wäre wie bei Heinz von Foerster die Wahlmöglichkeit, ihre praktische Moral die Verträglichkeit der Zumutungen von Einheit(en). Hinter dem Horizont der Personensemantik ziehen vielleicht nicht nur in der Politik schon neue Gemeinschaftsstrukturen herauf, die weitaus striktere und unempfindlichere Kopplungsformen der Bewusstseine an die Kommunikation pflegen als die Stammesgesellschaft und personelle Ausgrenzung dabei auf eine rechtspolitische oder erzieherische Basis stellen. Mit allen Einschränkungen von dem, was Person als Spielraum von Erwartungen sein kann. Wenn man weiß, dass Mitteilung eine Selektion ist, die je nach Interpretationsspielraum andere Informationen und ein anderes Verstehen ermöglicht, dann muss die Person mobil und eine kontingente Lösung bleiben. Es bleibt übrig, auch nach funktionalen Äquivalenten Ausschau zu halten. Zurechnung muss selbst zum Gegenstand ihrer eigenen Information, also Gegenstand der Strukturänderung werden. Dirk Baecker zitierend könnte man sagen: „Ein neues Spiel wird ausgerufen“. Es heißt: Sucht die Fehler und damit die Chance dasselbe sich anders unterscheiden zu lassen. Die soziologische Provokation dieser Losung liegt nicht nur in ihrer ausschließlich rechtlichen oder erzieherischen Normierung sondern ebenso im semantischen Gepäck das jede soziale Situation sachlich grundiert. Hier wäre den frühen Einwänden gegen Luhmanns Systemtheorie entgegenzuhalten, dass eine technologische Beobachtung des Sozialen sich theoriegeschichtlich entgegen des Sprichworts als ein Holzweg im Wortsinn herausgestellt hätte: Ein Weg der zwar nicht durch den Wald auf ein Ziel hin führt, auf dem man aber die Ressourcen und Bestände beobachten kann, mit denen gearbeitet werden könnte und die man vielleicht zu pflegen hätte. Man sollte sich nicht dauerhaft mit dem Kollektiv der Bäume verwechseln, sonst sieht man auch außerhalb des Waldes, dann wieder mit dem Sprichwort, den Wald vor lauter Bäumen nicht. Oder eben die gesellschaftliche Infrastruktur nicht vor lauter Kollektiv. Wenn die Psyche aus dem Kollektiv wieder herausfindet ist die Person ohnehin schon wie in jeder Passage wer anders. Bevor aus den Ressourcen des Kollektivs die Behausungen der Theorie zusammengezimmert werden, würde jede Architektur zuerst ihre eigene Infrastruktur beobachten. Eigentlich ist die aber immer schon da. Keine Beobachtung kommt aus dem Nichts, sonst wäre sie an sich etwas Bestimmtes und damit durch (re-)normierte Erfahrung von Enttäuschungen zu ersetzen, die vom Bewusstsein allein verkraftet aber als ungetestet regelhaft ausgegeben werden. Das wäre eine Schimäre zwischen Alltagswissen und Idolatrie. Und als Kollektiv? Wahres Wissen und rechtliche Norm wären eins und damit unwirksam. Hier liegt die Gefahr der „Inhaltlichkeit“. Die Soziologie hat sich hier im Kontakt mit ihrer Umwelt etwas angeeignet, was man mit Thomas Mann eine „doppelte Optik“, anders eine „Reflexion über Umwege“ oder einfach einen Wechsel des Erwartungsstils vor dem Hintergrund seiner Negation nennen könnte. Sie kommuniziert „in“ Gesellschaft von Personen über und als Gesellschaft. Schließlich kommuniziert sie auch „mit“ Gesellschaft als einem unmöglichen Adressaten, der immer erst im Nachhinein unterscheidbar und nie vollständig beschreibbar wird. Angewandte Soziologie heißt: In der Gegenwart anderer Personen befreit sich die Mitteilung von der Zurechnungszumutung auf eine schon bestimmte Person (also jemand bestimmtes anderes). Sie gibt die Zurechnung wieder frei und Bewusstsein und Psyche hören auf Person nur für jemand anderen oder sich selbst zu sein – und schränken sich durch Öffnung ein. Eine Art Metareflexion. Die Zurechnung der Mitteilung, das lässt sich bei Luhmann klar erkennen, ist eine kontingente, also weder notwendige noch unmögliche, und gerade deshalb mögliche Selektion. Ist das Ignoranz, Reform oder Beliebigkeit? Alles drei wohl kaum. Man könnte wie Peter Fuchs von konditionierter Ko-Produktion sprechen. Uns das inmitten sich „einpendelnder“ Systeme. Die sozialen Erwartungen unterliegen als Strukturen nicht einer normativen, auch keiner kognitiven, sondern einer wechselseitig reflexiven Autopoiesis des Sinns. Das ist weder Konsens noch Dissens, sondern die Fortsetzung des formal Gleichen, aber verändert durch die fortwährende Beobachtung ihrer eigenen Bedingungen. Mitteilungen brauchen kontingente Selektionen ebenso sehr wie bestimmte Annahmen oder Ablehnungen. Personen brauchen eine soziologisch komplexe Reflexion von Zurechnung auf Gesellschaft (das heißt auf Kommunikation und ihre Umwelten) zur Änderung ihrer Erwartungsform. Das könnte eine virtuelle Beobachtungsform der Kommunikation im Zeitalter technischer Systeme sein, wenn sie nicht in eine Gemeinschaftsstruktur oder Isolation des Bewusstseins kippt, die die Beschreibungsmodelle Kommunikation oder Gesellschaft für längst überflüssig hält. Für ein nie ganz still zu stellendes Bewusstsein als Umwelt der Kommunikation muss sie erhalten bleiben, oder auch die Möglichkeit der Person verschwindet und erstarrt zur Maske. Gemeinschaft ist wie eine Population stets bedroht und, deshalb können sich Kollektive das auch rechtlich und politisch vorwerfen, beeindruckend resistent gegenüber ökologischer Komplexität.

  • Thema Wissenschaft und Kommunikation. KLEINE SOZIOLOGIE DER GLEICHFÖRMIGKEIT DIVERGENTER GEGENSTÄNDE

    In vielen Wissenschaftsdisziplinen kann man sich – so scheint es – über ihren Gegenstand wahrnehmungsmäßig rückzuversichern. Nicht so in der Soziologie. Man kann die ‚Anschauung‘ der Gesellschaft ideologisch erzwingen, landet dann aber nur bei ‚inhaltlicher‘ Gemeinsamkeit der Erscheinungen, die mehr über die Einstellungen aussagen, in denen Dinge ihre Gestalt gewinnen. Die Konvergenz, also das Zusammenführen, von Wahrnehmungen ist eher ein Resultat der Messapparate und genau hier liegt die Einzigartigkeit der beschreibenden Soziologie. Sie beschreibt die Anordnung der Konvergenz, die Wahrheit ihres Zustandekommens, rechnet aber nicht auf ihr Zustandekommen als solches, sondern sie hält auch das Zustandekommen der Wahrheit für unwahrscheinlich, aber möglich. Heinz von Förster hatte Objekte als Symbole von Eigenverhalten beschrieben. Die konstruktivistische soziologische Systemtheorie geht deshalb von der Beobachtung zweiter Ordnung aus. Erst wenn die Unterscheidungen markiert werden, die für Beobachter einen Unterschied machen, ist Kommunikation über Erkenntnis möglich. Wahrheit ist also die Frage nach der Möglichkeit einer Unterscheidung von wahr und unwahr. Im letzten Beitrag wurde Kunst als Möglichkeit besprochen die medialen Reserven für Abweichungen zu erkunden. Während Kunst als Medienreflexion ihre Beobachter auf die Widerständigkeit ihrer eigenen Formen zulaufen lässt und von dort aus dasselbe als anders möglich markiert, lässt sie offen, was eigentlich der Fall ist. Systeme werden nicht nur auf ihre eigene Widerständigkeit, sondern auch auf ihre eigenen Abweichungen festgelegt, da die Kunst Formen nur aus der Perspektive des wahrnehmenden Gegenübers variiert, ihre Kontingenz aber nicht reflektiert. Entgegen vorherrschender Meinungen über ihre ‚Freiheit‘ legt die Kunst sich selbst auf bestimmte Pfade der Abweichung fest. Sie ist semantisch und nicht strukturell produktiv. Gerade deshalb ist ihr Code abhängig von der Fähigkeit zur ‚positiven‘ Überraschung und negativ gebunden an ‚konservative‘ Erwartbarkeiten. Die Leitunterscheidung der Kunst ist instabil, veränderlich und rechnet auf gesellschaftliche Reintegration. Ihre Negation bleibt unvollständig anschlussfähig, da sie Medien zwar inhaltlich markiert aber nicht über die Limitationalität ihrer Formbildungen erkundet. So unterteilt sie nie Welt, sondern Gesellschaft anders. Ihre Strategie besteht darin Wahrnehmung divergent zu halten und auf die Rekonvergierung der sozialen Systeme zu rechnen. Wissenschaft geht den umgekehrten Weg. In ihr werden Medien stabil, indem ihre Formpotentiale getestet werden. Das Medium der Wahrheit als Strukturmarkierung unterscheidet sich von den Ereignissen der Form wahr/unwahr. Das Medium wird über die Verwendung seiner Formen reprogrammiert. Jede Behauptung einer Aussage als wahr muss den Bereich negativer Geltung von Unterscheidungen mitmarkieren, damit eine vorläufige Form ‚ohne Rest‘ entsteht. Eben die Radikalität dieser vorläufigen Restlosigkeit unterscheidet die Form der Wahrheit von anderen Formen symbolischer Medien. Nicht die Abweichung, sondern die Regel ‚gilt‘ als Anschluss vor dem Hintergrund ihrer Ausnahme. Norm und Regel unterscheiden sich über den Weltbezug regelhafter Erwartungen. Es wird konditioniert, aber für den Fall des ‚Umbaus‘ von Konditionen. Kommuniziert wird über die näherungsweise Häufung von Zufällen. Dabei setzt sich jene Form der Wahrheit durch, die am ehesten der Komplexität der Möglichkeiten der Kopplung der Unterscheidungen von Welt entspricht. Wahrheit als Medium ist die Serendipität (Luhmann) der Relationierung von relationalen Formen. Ein ähnlicher Gedanke findet sich in Georg Simmels Soziologie: Soziologie bestimmt die Regelhaftigkeiten erst in der formalen Wechselwirkung von Gegenständen in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit. Erst hier wird Gesellschaft ‚greifbar‘. Sie unterscheidet sich von der Politik durch die Abstraktion der Anschlüsse von sozialen Inhalten auf sachliche und temporale Formen. Relationierungen von Relationen werden in der Politik immer zur Verpflichtung des konkreten Falls auf das Handeln des Kollektivs. Wissenschaft legt mediale Distanz vor die Direktverwendung der Erscheinungen. Verwendet werden Regeln der Formalisierung zur Steigerung des Auflösungsvermögens der Erörterung der Kohäsion. Was an gesellschaftlicher Kohärenz daraus entstehen kann wird dann nicht mitkonditioniert. Erst auf der Ebene der Darstellung von Wahrheit ergibt sich eine Gleichförmigkeit divergenter Gegenstände. Dieser entspricht die Einheit der Komplexität der Beschreibung, die ein Effekt der Selektivitätsreflexion von Beobachtung ist. Ich habe diesen Sachverhalt versucht in meinem Beitrag Literature as Addressing of Eigenforms für die Luhmann Conference 2024 in Dubrovnik zu umreißen. Was passiert nun wenn die Einheit der Beschreibung mit der Wahrnehmungskompaktheit elektronischer Medien konfrontiert wird? Anders als im Buchdruck wird nicht eine wahrnehmungsmäßige Einheit kommunikativ aufgespalten, sondern die Differenzen der Kompaktheit werden bereits wahrnehmungstechnisch s(t)imuliert. An die Stelle der Gleichung tritt der datenmäßige Abgleich. Und die konvergente Annäherung an Grenzwerte? Gesellschaft tritt an den Horizont Welt heran. Die Wechselwirkung von Gegenständen als Gegenstand der Soziologie von der Simmel ausging, wird auch stärkere Wechselwirkung mit den nichtsozialen und technischen Systemen in der Kommunikation umfassen. Gesellschaft wird nicht mehr nur, wie Luhmann meinte, die Gesamtheit der Kommunination sein, sondern die Gesamtheit der Kommunikation und ihrer Umwelten in Wechselwirkung. Die nächste Soziologie wird dabei von ihrer ursprünglichen Ausrichtung Gebrauch machen können, die gerade in der Unabgrenzbarkeit ihrer Gegenstände und ihrer Disziplin liegt. Vielleicht wird sie mehr gemeinsam haben mit den Beobachtungsformen der Physik, Chemie oder Elektrotechnik. Die Gleichförmigkeit Ihrer Gegenstände wird aber auch psychisch vermittelbar bleiben müssen, sodass der Komplexität der unterscheidbaren Gegenstände eine kommunikative Form entspricht, mit der sich deutend rechnen lässt – im gleichförmig beschreibenden Medium des Textes, das Eigenformen durch Selbstreferenzunterbrechung verklammert oder auch in Medien die die Leitunterscheidungen eines einheitlichen Funktionsbezugs von vorneherein formal suspendieren. Der Grenzwert der funktionalen Einheit einer nächsten Gesellschaft beruht nicht nur auf Äquivalenz des Unterschiedenen, sondern auf struktureller Reibung, die nicht Konflikt und Distanzierung, sondern statische Anziehung stiftet. Gleichförmigkeit ist die Nähe des Unterschiedenen.

  • Thema Person und Organisation. KLEINE SOZIOLOGIE DER VERSCHOBENEN ADRESSEN.

    Der letzte Beitrag meiner Website hat sich mit dem Begriff der Rolle als einer strikten Kopplung der Grenzen von Organisation und Interaktion beschäftigt. Die Einführung elektronischer Medien verändert aber auch die Art und Weise wie konkrete Personen in Kommunikation involviert sind. Wenn es sich um zugänglich verschlagwortete Profile handelt, die zunehmend durchsetzungsfähig und bestimmend werden – wie hält man Person und Rolle dabei noch auseinander? Zunächst lassen sich zwei ‚Trends‘ beobachten: Zum einen eine formal stark plakative Darstellungskommunikation, die Personen auf einen bestimmten ‚Typ‘ zusammenzieht. Zum anderen eine ‚dezentrale‘ Ausrichtung, die die Möglichkeiten der kommunikativen Berücksichtigung noch stärker als im Buchdruck radikal diversifiziert, streut und schließlich ‚vermischt‘. Theoretisch kann man einen Zugang zur Person auf Ebene der kommunikativen Ansprache von den Möglichkeiten unterscheiden, die sich über die psychische Selbstversprachlichung in der Umwelt ergeben. Für die überbordenden Sinnverteilungschancen der Kommunikation bleibt allerdings immer weniger Aufmerksamkeitsspielraum. Während zum Beispiel Niklas Luhmann und Peter Fuchs die ‚Form‘ Person eher als Art Adressenformular verstehen, durch das die Person in der Kommunikation berücksichtigt werden kann, kann man aus Perspektive der Medien fragen, was sich an der Person noch tatsächlich einer Person zurechnen lässt und was dem Kommunikationskanal, der die Form der Person ‚verklammert‘. Maren Lehmann hat in ihrem Video zum Individuum der nächsten Gesellschaft darüber gesprochen, dass es dem Individuum vor allem darum gehe Distanz zu den überfordernden Möglichkeiten seiner Berücksichtigung zu gewinnen. Wie geht das? Man kann diesen Gedanken angesichts der auf Wahrnehmungssimulation ausgerichteten elektronischen und technischen Medien sogar radikalisieren und beobachten, dass die Unterscheidung von Nähe und Distanz an Dominanz für die Kommunikation verliert und gleichzeitig an Wertigkeit für die Psychen gewinnt. Distanzbedürfnis wird damit das Resultat eines Verlusts von Nähe. In einer praktischen Paradoxie ist Nähe potentielle Störung der Rolle und Distanz ein ‚unheimliches‘ und fragiles Gleichgewicht, in dem das Individuum Person wird. Sich selbst ansprechen zu lassen wäre gleichbedeutend mit einer Differenzierung des Selbst, die so komplex wird wie Kanäle, die die Psyche wahrnehmungsmäßig erreichen. Neben diesem Komplexitätserfordernis, dem die Kommunikation mit Typisierungen begegnet, ist die Frage wie die Psyche Distanz zu ihrer Ansprache und Nähe zu Ihrer Aussprache gewinnt. Während Luhmann und Fuchs für die moderne Buchdruckgesellschaft noch die Bedeutung der Unperson, der in der Kommunikation verdeckten Anteile der Person hingewiesen haben und damit Verdrängung als eine riskante soziale Strategie und gleichzeitig das Unangesprochene als ‚Reserve‘ beschreiben, stellt sich die Frage wie es um diese ‚anderen‘ Seiten der Person in der Gesellschaft elektronischer Medien bestellt ist. Die medienwissenschaftliche Antwort darauf ist nicht Verdrängung, sondern der Bruch von Wahrnehmung und Kommunikation um den Preis des Risikos. Statt von Unpersonen kann man von ‚Depersonalisierungen‘ sprechen: von abweichenden Personen die für die Chance des Selbstausdrucks um Anschlussfähigkeit werben müssen. Wichtig zu verstehen ist, dass Annahme nicht Integration meint und hierin eine Chance liegt. Jede Ablehnung ist außerdem eine Chance der Fortsetzung der Kommunikation unter anderen (!) Prämissen. An anderen Stellen und in anderen Formen. Und jede zur Normierung der Kommunikation neigende Organisation braucht diese Selbstabweichungsstrategien. Um als Adresse in der Umwelt von Psychen mit unüberblickbar diversifizierten Erwartungen ‚relevant‘, das heißt deutungsmäßig anschlussfähig, zu bleiben. Die Kopplung von Verschlagwortung und Typisierung bedient zwar den Vereinfachungsbedarf und Diversifizierungsbedarf der Psychen. In Interaktionssystemen, die wie André Kieserling und Niklas Luhmann aufgezeigt haben entdifferenzierend ‚gebaut‘ sind, sind die Verhältnisse allerdings nicht von Normierung, sondern von Normalisierung geprägt: Nicht die Psychen und ihre Adressen als Person werden typisiert, sondern die Situationen. Normalität ist ein situatives, kein personelles Konstrukt. Auch wenn das für Organisationen mit ihrer strikten Mitgliedschaftskopplung dasselbe sein kann. Die Frage für die Interaktion bleibt: Wie abweichungstolerant sind die Medien der Psychen in einer Situation, die ihre Wahrnehmung steuern? Was wenn der Wahrnehmungseindruck nicht nur kompakt, sondern auch komplex (vernetzt) ist? Wenn Kunst, wie Armin Nassehi vorschlägt, Medienreflexion ist, beginnt hier der Bereich in dem diese Verhältnisse aus der Kompaktheit in die Kommunikation überführt und differenziert werden können, um die Limitationalität der Kanäle zu erkunden über die etwas verbreitet wird. Was aber, wenn eine (!) Organisation dieses Verstehen dominant auf typisierte Personen zurückrechnen will und das über Mitgliedschaft konditioniert? Was wenn die Interaktion so organisiert wird, das Normalität und Normierung ineinsfallen? Jede Organisation kann in ihrem eigenen Fortsetzungsinteresse nur daran arbeiten ihre Interaktionspielräume auf die Komplexität der Umwelt anzupassen in der sie sich reproduziert und das situativ symbolisch divers (!) zu vertreten. Symbolisch divers bedeutet in diesem Zusammenhang sich den Psychen und ihren abweichenden Deutungsspielräumen nicht zu verweigern, sondern sich zu öffnen und zu lernen – und das durch die Änderung von reflexiven (!) Erwartungen auf Ebene der Kommunikation, denn eine Psyche kann im Stadium der Desintegration ‚überleben‘. Sie wäre formloses Bewusstsein ihrer selbst und dadurch nichts weniger als sie selbst. Eine Organisation würde schlichtweg irrelevant werden und verschwinden. Was bleibt wäre Interaktion ohne zentrierbaren Sinn, also ohne Deutungsgelegenheiten mit Abweichungsmöglichkeit (!). Ob die Person eine Person oder eine Rolle wäre, wäre unentscheidbar. Außer durch Zurechnung auf Person oder die normierenden Konditionierungsentscheidungen einer Organisation. An diesem Ort beginnt jeder Wechsel von innen nach außen. Die Grenze zieht sich, indem sie durchgestrichen wird. Und so ist man bei sich, wenn man am wenigsten bei sich ist. Die Frage ist: Wie komplex muss eine einheitliche (?) Operation werden, wie inkohärent kann eine komplexe Situation sein, um eine Minimaldifferenz zwischen Interaktion und Organisation in der Rolle als Person zu verwirklichen? Person als Selbstansprache und Selbstaussprache ist der Spielraum der Rolle. Wenn Rekursion als ‚calling‘ der Unterscheidung Identität erzeugt, ist Selbstdiversität an Exkursion gebunden. Wie offen und intelligent nutzt ein System im Fall von Mobilität (s)eine mediale Infrastruktur? Besonders im Fall von Interaktion, die Kommunikation und Wahrnehmung durch den Zwang der Mitteilungszurechnung vertauscht. Hier liegt die Limitationalität der unordentlichen Interaktion, indem sie auch die Zurechnungen typisiert. Ihre kontingente Chance liegt darin die Situation in ihrer intersystemischen Komplexität zu bezeichnen – und eine weitere Unterscheidung zu treffen.

  • Thema Integration und Widersprüche. KLEINE SOZIOLOGIE DER ROLLE

    Hinter „gesellschaftlicher“ Integration verbirgt sich alltagssprachlich vor allem eine politische Idealvorstellung. Der Begriff wird nicht selten verwendet um Grade der Zugehörigkeit oder Assimilation zu bezeichnen. Andererseits besteht kaum Klarheit darüber, wo über die Grenzen und Anforderungen der Integration endgültig entschieden werden kann. Vielleicht ist „Gesellschaft“ einfach die falsche Bezugsgröße für Integration? Zu groß, zu unübersichtlich, um über Kriterien der Integration zu informieren. Ist Integration also eine kollektive Selbsterzählung der Politik? In der Politik, vor allem in der Form des modernen Staates, geht Integration nur als Kompromiss. Hier wird weniger integriert als vorläufig still gestellt und nach innen befriedet. Schließlich soll der Staat politische Konflikte entschärfen durch innere Stabilität. Aber was wird dort integriert? Integration kann kaum meinen die Zumutungen der Kommunikation einfach still zu stellen. Diese stabile Abgrenzung wäre eher eine Beruhigung und damit das Gegenteil von Integration. Integrare heißt „einbinden“, aber auch „vervollständigen“ und „ergänzen“. Wer oder was gilt wann als (un)vollständig integriert? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Um das Problem schärfer zu stellen, lohnt sich ein Blick auf Organisationen und ihrer Mitglieder. Jede Person, die einmal mit den Grenzen einer Organisation in Kontakt gekommen ist, wird ein intuitives Gespür für die komplexen und dynamischen Erwartungen entwickelt haben, die ein Kontakt in noch unentschiedenen Situationen erfordert. Entweder als Nicht-Mitglied einem noch unbekannten Setting oder bei einem internen Interessenskonflikt, der die Idee der Mitgliedschaft einem Stresstest unterzieht. Jede (Un-)Zugehörigkeit schließt potentiell etwas weiteres anderes ein und aus, jede Assimilation produziert ihre Ungleichheiten. Das Gegenteil wäre Zurückhaltung. Das wäre nicht nur politisch, sondern auch kommunikativ ein Problem, wenn überhaupt noch emphatisch von „Gesellschaft“ oder „Integration“ die Rede sein soll. Beides braucht einen verknüpften Zusammenhang, auf den sich verweisen lässt. Politische Organisationen verstehen Integration als Beteiligungsangebot, können sie aber auch totalitär auslegen. Sie wird dann von einer Chance in eine Pflicht umgedeutet. Beide Positionen (die totalitäre sowie die inklusive) werfen aus der Perspektive einer modernen Gesellschaft, die sich in Teilbereiche mit spezialisierter Kommunikation wie Wissenschaft, Kunst oder Recht ausdifferenziert hat, zunächst einmal die Frage auf, wo, das heißt an welcher Stelle genau „integriert“ werden soll. Hier gilt Integration als regulative Idee des Zugangs. Über Zahlungen, Rechtsnormen oder wissenschaftliche Wahrheiten. Modern sein heißt gerade über diese Regularien „gut“ erreichbar zu sein. Und das bietet je nach Kommunikationskanal andere Möglichkeiten und Einschränkungen als Person berücksichtigt zu werden. Die Soziologie scheint hier dem politischen Diskurs in die Hände zu spielen: Oft geht sie von einer eher stabilen oder problematischen Abstimmung aus und bedient die Integration aus der Perspektive von Staat oder Politik. Die Referenzgröße ist dabei häufig eher die Organisation als die Interaktion unter Anwesenden. Man müsste also eher auf mehr oder weniger prekäre Statusfragen zu sprechen kommen als auf Rollen. Dabei wäre gerade der Zusammenhang dieser gleichzeitigen Abstimmung von Erwartungen in Organisation und Interaktion ein paradigmatischer Fall von Integration. Der Begriff dafür ist nicht Status, sondern Rolle. Sie hat eine formale Seite – die Organisation, und eine informelle Seite – die Interaktion. Integration meint eben die Abstimmung von etwas in etwas anderem. Dabei bleiben die Grenzen und Eigenlogiken der Systeme erhalten. Die Veränderungen der Grenzen eines der Systeme haben Auswirkungen auf die der anderen Systeme. Die Selbstunterscheidungen, die die Systeme begrenzen sind „strikt“ miteinander gekoppelt. Das heißt im Umkehrschluss, dass keineswegs die Organisation allein entscheidet welche Grenzverhältnisse Geltung haben. Sie entscheidet – aber nach Prämissen der Interaktion, die sie mit Unordnung versorgt.

  • Hello world!

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