Im letzten Beitrag ging es hauptsächlich das Problem der Zurechnung des Mitteilungshandelns vor dem Hintergrund elektronischer und technischer Medien in der Kommunikation. In dieser Situation erscheinen aus politischer und rechtlicher Perspektive striktere gemeinschaftliche Kopplungslogiken, Isolation des Bewusstseins und personal identifizierende Zurechnungslogiken als Lösungen von Selbstblockierungen des Sinns in Netzwerken. Diese identifikatorischen Lösungen, das kann man bei Jörg Räwel nachlesen, treten in bestimmten Ausformungen im Rahmen stärkerer Moralisierung auf. Die normative Auslegung einer erwartungswertge- oder be-ladenen Unterscheidung und ihre Kopplung an moralisch grundierte (Be-)Achtungslogiken an einen Präferenzwert findet sich aber nicht nur in Politik und Recht, sondern ebenso in der Erziehung. Prinzipiell teilen alle symbolischen Medien dieses Konstrukt, sie unterscheiden sich aber in den Graden der Personalisierung und Zurechnung des (Miss-)Erfolgs. Es ließe sich vermuten dass diese Rationalitäten (Politik, Recht, Erziehung), formalistisch gesprochen, zu (organisatorisch-personellen) „Dominaten“ in der Gesellschaft elektronischer Medien werden könnten. Die dabei auftauchenden Probleme sind als Randphänomene bereits aus der ‚distanzlosen‘ Interaktion unter Anwesenden bekannt, nur wurden sie dort für die Psyche nicht zum Problem, da diese sich strukturoperativ kaum von ihrer Konditionierung unterscheiden konnte. Mit der Durchsetzung von anderen Verbreitungsmedien in der Kommunikation änderte sich das. Nicht nur die Mitteilung mit der Sprache, sondern auch das Verstehen mit der Schrift und die Kontexte der Kommunikation mit dem Buchdruck konnten reflexiv (um-)bestimmt werden. Durch Widerspruch gegen die Mitteilung, gegen das Verstehen, gegen die Rationalitäten der systemischen Kontexte kommt der Eigensinn des Bewusstseins in die Organisation der Psyche und Bewegung als Differenz in die Kommunikation. Sinneswahrnehmung ist kommunikativ nur in Distanz zu sich selbst zu verantworten. Das scheint im Zeitalter elektronischer Medien vergessen zu werden oder zumindest nur erinnerbar durch paradoxe kommunikative Ostension. Wer will es den Bewusstseinen bei der operativen Schnelligkeit der Elektronik auch verübeln. Darauf eingestellt sind sie jedenfalls (noch) nicht. Liest man eine frühe Definition des Medienbegriffs im Kapitel Kommunikation und Handlung aus Luhmanns Soziale Systeme wird die Sprache explizit noch nicht zu den Verbreitungsmedien gerechnet, sondern tritt als deren Ermöglichung auf. Einige Seiten zuvor legt Luhmann dabei den Fokus auf die funktionale Differenz bei der Distanzierungsleistung der Sprache und nimmt sie als entlastende Kontingenzunterbrecherin in den Blick. Man kann dazu lesen:
„Bei sprachlicher Kommunikation tritt denn auch die Abhängigkeit des Kommunikationsprozesses von der Beobachtungsgabe des Ego und von all ihren Ambivalenzen zurück. Ego muß die Differenz nicht nur sehen können, sie wird ihm unzweideutig aufgedrängt. Alter spricht zu ihm über etwas. Und selbst wenn Alter über sich selbst oder über sein Sprechen sprechen wollte, er würde immer noch jene Differenz reproduzieren, nämlich etwas an sich selbst oder an seinem Sprechen als Information behandeln zu müssen, die er mitzuteilen wünscht. Angesichts von Sprachverhalten kann Ego sich also darauf verlassen, daß die Differenz, die Kommunikation konstituiert, bereits hergestellt ist. Er kann sich entsprechend entlastet fühlen. Seine Aufmerksamkeit ist freigestellt für das Verstehen dessen, was gesagt wird.“ 209f.
Verstehen ist nicht das Annehmen der Kommunikation. Wohl aber stellt sich die Frage wie Sprache über die Semantik ihres Unterscheidungsgebrauchs eine Situation nicht zunächst einmal in ihrer doppelten Kontingenz einschränkt, ohne das von einer Selektion oder Differenz zu sprechen wäre? Wirklich klar wird diese Unterscheidung von Struktur und Semantik aber erst durch die Schrift und mit ihrer Möglichkeit die Formen der Kommunikation in genauer auf ihre Veränderung und Veränderlichkeit hin zu beobachten. Aber auch hier braucht jedes Sinnsystem einen Reflexionsmodus für die Beobachtung der (Kontingenz [in] der) eigenen Geschichte. Es muss nicht nur kulturalisiert und sozialisiert, sondern ebenso historisiert sein. Und medienerprobt. Die kontingente Mitteilung als Selektion gewinnt ihren Wert erst wenn sie von einer kontingenten Information als Selektion unterschieden und kontingent verstanden werden kann. Dazu muss jede Information einen Unterschied machen, der auf eine Strukturveränderung zielt (also einen Unterschied macht). Das hat Luhmann aus Batesons Informationsbegriff abgeleitet. Das Problem der Kommunikation in Netzwerken besteht nun darin, dass sie sich zwar wie in sozialen Systemen über Anschlüsse definieren (auch Systeme sind Netzwerke ihrer Operationen), aber Ausschlüsse nur auf Ebene des Kontakts vornehmen können. Das wiederum liegt am Problem der Information, die als Selektion an der Mitteilung hängt, wie das Segelboot am Wind. Die Person als „Rettungsanker“ der sich selbstbestimmenden Schließung jedes Systems über Handlungszurechnung muss ihre Unterscheidungen enttäuschen (=) lernen, und nicht nur ihre Erwartungen enttäuschen (= sich so) lassen. Im Internet habe ich dazu vor einiger Zeit ein Luhmann-Meme gefunden. Der Bildbereich des Memes im Hintergrund zeigt ein Foto von Luhmann, der sich lachend oder lächelnd, die Hände gefaltet, auf seine Bücher und ihre Übersetzungen stützt und in die Kameralinse gegenüber sehend die ihn wahrnehmenden Betrachter:innen fokussiert. Über den Bildbereich geschrieben findet sich folgender Text:
„I will never let you down!
It’s your expectational structure that might need some fixin‘.“
Ich habe das Meme, weil es mich irritiert hat, bei meinen Vortrag für die Luhmann-Conference 2024 in Dubrovnik verwendet, um über die Perspektiviertheit und Unabschließbarkeit von Erwartungen zu sprechen. Der erste Satz des Meme-Textes suggeriert Erwartungssicherheit, die der zweite ist eine vage Enttäuschung der eben erst entstandenen Erwartungssicherheit. Man steht wieder im Unbestimmten mit der Frage, was eigentlich das Problem ist, auf das sich diese Lösung bezieht. Trotzdem bilden die Sätze aus der Perspektive der kommunikativen Verantwortung keinen Widerspruch. Für mich liegt der Reiz dieses Memes darin, auf eine Person zu verweisen, sie abzubilden, obwohl das Bewusstsein (für mich) hinter der geschriebenen bzw. projizierten Kommunikation verborgen ist. Die Perspektive des Bildes, die Worte, die Luhmann in den Mund gelegt werden, sie alle dezentrieren die Person als Zurechnungsfolie kommunikativ und halten sie wahrnehmungsmäßig zusammen. Entgegen der anscheinenden Evidenz der Bilder nutzen wir Text wie hier oft als Aufgabe der Konstruktion und Dekonstruktion von Erwartungen ohne einen direkten Hinweis auf die Wahrnehmung der anderen Seite. Wenn man (den) Text nicht zynisch, also nicht als Abweisung versteht, dann ist die Information nicht mehr personell, sondern reflexiv strukturierend, in der Paradoxie zwischen Husserls Unterscheidung von Anzeichen und Ausdruck. Was ‚mich‘ enttäuscht, enttäuscht ‚mich‘ in der Kommunikation weil ‚ich‘ die ‚andere Person‘ oder ‚mich‘ als ein Anzeichen für einen Ausdruck der Enttäuschung nehme. „In der kommunikativen Rede“, so Luhmann in demselben Kapitel, „fungieren alle Ausdrücke alle Anzeichen.“ (202) Anzeichen von was? Von Sinn, Kommunikation, Gesellschaft oder Welt? Die Antwort ist weniger relevant als die Tatsache das die Ausdrücke als Anzeichen fungieren.
„Was immer als Einheit fungiert, wird zur Einheit durch die Einheit eines selbstreferentiellen Systems. Es ist weder von sich her Einheit noch allein durch die Selektionsweise eines Beobachters, es ist weder objektive noch subjektive Einheit, sondern Bezugsmoment der Verknüpfungsweise des Systems, das sich durch eben diese Verknüpfung reproduziert.“ 240
Es gibt keine flexible Erwartungsstruktur des Bewusstseins ohne ein (vorgestelltes) Gegenüber. Das können auch als kontingent akzeptierte Einheiten (wie Gesellschaft) sein und nicht nur die Person, bei der uns das mit der Kontingenz einerseits wahrnehmungsmäßig schwer fallen kann und andererseits erfahrungsmäßig oft schwer zu verkraften ist. Sie soll ja für kommunikative Erwartbarkeit Zurechnung stiften, sie soll Mitteilungen konfirmieren, sie soll Kommunikation als Handeln kondensieren lassen, ausreichend informieren, eben als „Erwartungskollage“ funktionieren und enttäuscht gerade deshalb manchmal über alle Maßen. Dennoch funktioniert im Luhmann-Meme die Enttäuschung als eine Erwartung höherer Ordnung. Weil es sichtbar macht, dass auch die Enttäuschung mal eine Erwartung war. Sie ist eben eine negative Erwartung und nicht nichts. Aus der Perspektive der Kommunikation sind negative Erwartungen nicht schlechter als positive. Sie machen die selektiven Akkordierungen der Kommunikation aber komplexer. Genaugenommen gibt es aber ohne (minimale) Enttäuschung auch keine Information. Auch wenn wir uns als Personen darüber nicht immer freuen. Die Mitteilung einer Information muss verstanden und missverstanden, angenommen und abgelehnt werden können, damit es weiter geht und man weiß, wo man gerade nicht mehr suchen muss. Selbst wenn die Mitteilung erst durch ihr Verstehen zu einer solchen gemacht wird, sie muss im Verlauf der Anschlusskommunikation doppelt kontrolliert und als Form mit den Personen ausdifferenziert werden. Ego und Alter sind eben nicht notwendigerweise Personen, sondern kontingente Positionen, die wechseln können, und – noch wichtiger – sich unterscheiden müssen. Man kann abweichen, sich der Voraussage entziehen. Die Frage bleibt, wie flexibel die Unterscheidungen sind, die die Situation strukturieren. Wenn man im „Ich“ und „Du“ nur bestimmte, nicht enttäuschbare Erwartungen erwartet oder eben nur Enttäuschungen, dann sind die Spielräume für Abweichungen nicht besonders groß. Hier kommt durch die Hintertür der Erfolgsdruck ins Spiel. Erfolg ist aber nur aus bürgerlicher Perspektive die Kehrseite des Scheiterns. Sozial und psychisch wäre ein Annahmedruck aller Kommunikationen fatal. Es geht also um ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten von Berücksichtigung, nicht um Zwang. Wir sollten also mit der Selbstverständlichkeit von Erwartungen über Enttäuschungen reden, weil sie auch Erwartungen sind. Und Erwartungen äußern, um sie auch enttäuschen zu lassen. Dabei sollten Symbole das Erleben nicht verstellen. Wer sich mit den Symbolen des Erfolgs verwechselt, kann sie nicht benutzen und verschenkt ihren Spielraum als Medien.
„Das Offensein für Neukonditionierung beruht auf derselben Bedingung wie die Negativität, nämlich auf der Doppelung der Kontingenz: Ego erfährt Alter als alter Ego. Er erfährt mit der Nichtidentität der Perspektiven aber zugleich die Identität dieser Erfahrung auf beiden Seiten. Für beide ist die Situation dadurch unbestimmbar, instabil, unerträglich. In dieser Erfahrung konvergieren die Perspektiven, und das ermöglicht es, ein Interesse an Negation dieser Negativität, ein Interesse an Bestimmung zu unterstellen.“ 172
Das findet sich im vorherigen Kapitel des Buchs Soziale Systeme im Kapitel über Doppelte Kontingenz. Was aber für den Fall in dem sich diese Positionen in ihrer Differenz nie entwickeln konnten? Wenn Erziehung die Konditionierung der Formen ist, in denen (möglicherweise) beobachtet werden kann, stellt sich die Frage nach Identität und Differenz noch einmal anders. Hier geht es um die Identität der Perspektiven vor dem Hintergrund der Nicht-Identität dieser Erfahrung auf beiden Seiten. Repressiv ist Erziehung aber nicht dort, wo sie (sich) auf Formen der Beobachtung festlegt. In diesem Fall Sonderfall wäre die Erfahrung auf beiden Seiten ebenfalls identisch. Auch nicht wenn sie darauf hinausläuft, dass sie die Formen ihrer Konditionierung selbst enttäuscht. Erziehung ist dort repressiv, wo sie die wahrnehmungsmäßige Differenz einer Situation aus der Perspektive normativer Erwartung mit der Identität einer bestimmten Erfahrung auf allen Seiten konvergieren lässt und danach diese Mitteilung als moralisierende Handlung depersonalisiert. Wissenschaft würde hier auf Welt zurechnen und das Erleben thematisieren. Politik würde die wahrnehmungsmäßige Differenz kommunikativ tilgen, sich angreifbar machen oder hinter die Organisation ducken. In der Wissenschaft stünde anstelle der bestimmten Erfahrung das unbestimmte, aber kommunikativ bestimmbare Erleben. Repressive Erziehung beginnt aber dort, und das entgegen der alltäglichen Vorstellung einer kommunikativen Beeinflussung, wo über bestimmte und trotz unbestimmter Erwartungen noch zugerechnet, aber nicht mehr tatsächlich kommuniziert wird, nicht gehandelt, sondern sich nach der vorgestellten Norm ausgerichtet und verhalten wird. Eine ausgesprochene, explizierte Festlegung auf die Norm wäre unter Absehung von weiteren Pressionen keine Festlegung mehr und in jedem Fall Anlass zum Widerspruch. Wirklich normiert und damit in ihrer Kontingenz bewusst wird Sprache allerdings erst wirklich im Buchdruck. Erst hier wird die Mitteilung vom Akzeptanzdruck entlastet. Wenn Interaktion dominiert, bleibt die normierende Moral als Drohung im Hintergrund und bringt die Kommunikation um einen Teil ihres Informationswerts und die Positionen um einen Teil ihrer Kontingenz. Die Mitteilung wird nicht inkontingent aber die Differenz kann kommunikativ nicht vollständig ausgebildet werden. Es geht also um jene Aspekte der Wahrnehmung und Kommunikation die sinnmäßig von beiden Seiten „unterdrückt“ werden, aber dennoch Teil der Erwartungsbildung sind. Vor dem Hintergrund der wahrnehmungsintensiven aber distanzierten Kommunikation über elektronische Medien ist das fatal. Der Identität der Perspektiven entspricht dann im schlechtestmöglichen Fall die Identität der Erfahrung auch ohne Erziehung und Kommunikation wird (nur noch) an ihrer technischen Übertragung gemessen. Anschlussfähigkeit und Identität koinzidieren. Kommunikation, so Luhmann, ist eben nicht Übertragung, sondern reflexiv strukturelle Konvergenz und Überlagerung des wahrnehmungsmäßig Divergenten als kommunikative Einheit dieser Differenz. Jedes System stört sich selbst. Ein Jenseits von Identität in der radikalen Differenz. Und nicht andersherum. Fatal wird es, wenn Störung und Begrenzung, wie im Fall von dichten Netzwerken, dasselbe sind. Dafür wäre im Anfang jede Einheit von Identität zu trennen und die Differenz zwischen Einheit und Identität wäre conditio sine qua non (also Minimalbedingung) jeder verantwortungsvollen Kommunikation.
„Verantwortung ist der ungedeckte Informationswert einer Entscheidung, der Überschuß an Information, die jemand gibt, im Vergleich zu der, die er erhalten hat. Das Ausmaß an Verantwortung – Verantwortung lässt sich, jedenfalls in der Theorie, als Differenz von Informationsgrößen messen – richtet sich somit nach dem Stand der Informationen eines Systems und nach der Sinnstruktur eines Feldes anderer Möglichkeiten, die durch eine Information ausgeschlossen werden.“ 175
Das (Miss-)Verstehen, so ließe sich die obige Passage des Kapitels Verantwortung und Verantwortlichkeit aus Luhmanns Buch Funktionen und Folgen formaler Organisation verstehen, muss die fehlenden Differenzen auf Seiten der Mitteilung durch die Redundanzen auf Seite der Information sinnmäßig auffangen, um ein vertretbares (Ver-)Antworten zu ermöglichen. Es wird in Kontexten mit hohem Erwartungsdruck und beschleunigter wahrnehmungsgebundener Kommunikation für ein Bewusstsein schwerer, diese Komplexität so psychisch zu organisieren, dass Informationsreflexion gegen das Risiko von vorschneller (Ver-)Bindung oder vorschnellem Kontaktabbruch abgesichert ist. Das wäre die Aufgabe verantwortungsvoller Kommunikation und Erziehung. Sie wäre das Komplement zur spätmodernen Nachhaltigkeit. Diese (zweitere) würde sich von jener (ersterer) darüber informieren lassen, dass Redundanzen als Differenzen verstanden werden müssen: Dass von einer Mitteilung (nicht nur zu) viele Informationen erwartet werden könnten. „Requisite variety“ eben. Enttäuschend ist nur, wenn man sie und sich nicht mehr auseinanderhalten kann. Das, und das zeigen die Fehler der Erziehung, führt organisatorisch leider häufiger zu entschiedener Verantwortlichkeit als zu entscheidender Verantwortung.