Was ist eine Mitteilung und warum benutzt Kommunikation Zurechnung? FÜR EIN ‚ENTGEGEN‘ EINER ALLEIN (!)RECHTSPOLITISCHEN AUSLEGUNG VON LUHMANNS MITTEILUNGSBEGRIFF

Kann nicht nur Kommunikation kommunizieren? Zumindest teilen sich Personen mit – aus Perspektive der Kommunikation. Natürlich steckt hinter der Sozialdimension des Sinns eine psychische Verunklarung. Und das mit gutem Grund. Wie Peter Fuchs in zahlreichen Publikationen gezeigt hat, ist die Psyche nur geschlossen und damit über das Einzelbewusstsein hinaus öffnungsfähig, wenn sie an Kommunikation strukturell gekoppelt ist. Strukturelle Kopplung heißt immer auch, dass das Bewusstsein, in dem Sinn unbegrenzt flottieren kann, unterbrochen wird. Psyche ist die kommunikative Organisation des Bewusstseins. Seine doppelte Schließung. Psychosoziale Formatierung ist bewusstseinsmäßige Korruption. Und das auch in einem durchaus „positiven“ Sinn des Korruptionsbegriffs wie er sich bei Krešimir Žažar und Steffen Roth findet. Wenn Kommunikation Person als Adresse der Psyche nutzt entsteht eine Mitteilung. Diese für die Kommunikation notwendige kausale Zurechnung des Mitteilungshandelns auf die Elena Esposito bei Luhmann hingewiesen hat ist eine „notwendige erste Lüge“. Eine Paradoxie. Aus der Perspektive des Einbaus von technischen Systemen in die Umwelt der Kommunikation wird jedoch gerade dieses „Erwartungsbündel“ Person problematisch. Wie funktioniert Zurechnung im Fall autologischer technischer Systeme? Ein öffentlich und vor allem rechtlich hochbrisantes Thema, das gerade aus der Rechtsperspektive u.a. von Fatima Kastner beforscht wird. Wenn Person ein Filter und eine Organisation von Rollenerwartungen ist, können wir mitverfolgen wie angesichts der „Autologien“ technischer Systeme die Person als Zurechnungsfolie auch mitunter durchgestrichen wird, und das bringt die Kopplungsmodi von Kommunikation und Bewusstsein gehörig durcheinander. Ein anderer Fall ist die Kollektivierung oder Isolierung von Personen. Aus rechtlicher Perspektive ist die Person nicht nur Erwartungsfilter, sondern auch Erwartungsschutz vor den wahrnehmungsmäßigen Zumutungen der Kommunikation. In der Politik ist sie Attraktorin und Repräsentantin. Es gilt zu verstehen dass Kommunikation und Bewusstsein bereits sinnmäßige Einteilungen der Welt sind. Sie haben allerdings eine mediale Grundlage. Eine Soziologie, sofern sie nicht nur eine Rechtfertigung der Gesellschaft der Gesellschaft oder die Legitimation von (para)wissenschaftlichen Geltungsansprüchen sein will, muss immer wieder darauf hinweisen, dass diese Einteilungen kontingent sind. Luhmanns theoretische Interessenverlagerung aus dem Recht über die Verwaltungswissenschaft in die Soziologie ist ein Symptom, dass angesichts technischer Systeme normative Erwartungen mit personalem Fokus nicht ausreichen um der für die Möglichkeit von Gesellschaft notwendigen Eigenkomplexität der Beschreibung von Systemordnungen gerecht zu werden. Auf dem Spiel steht eine Repräsentation und eine Zurechnung, die längst keine vollständige mehr ist, aber auch keine „an-ständige“, „ab-ständige“ oder „eigen-ständige“ sein könnte. Sie schreibt sich ständig selbst mit auf die Liste und wundert sich über ihre eigene (Un-)Zugehörigkeit. Ihre Ethik wäre wie bei Heinz von Foerster die Wahlmöglichkeit, ihre praktische Moral die Verträglichkeit der Zumutungen von Einheit(en). Hinter dem Horizont der Personensemantik ziehen vielleicht nicht nur in der Politik schon neue Gemeinschaftsstrukturen herauf, die weitaus striktere und unempfindlichere Kopplungsformen der Bewusstseine an die Kommunikation pflegen als die Stammesgesellschaft und personelle Ausgrenzung dabei auf eine rechtspolitische oder erzieherische Basis stellen. Mit allen Einschränkungen von dem, was Person als Spielraum von Erwartungen sein kann. Wenn man weiß, dass Mitteilung eine Selektion ist, die je nach Interpretationsspielraum andere Informationen und ein anderes Verstehen ermöglicht, dann muss die Person mobil und eine kontingente Lösung bleiben. Es bleibt übrig, auch nach funktionalen Äquivalenten Ausschau zu halten. Zurechnung muss selbst zum Gegenstand ihrer eigenen Information, also Gegenstand der Strukturänderung werden. Dirk Baecker zitierend könnte man sagen: „Ein neues Spiel wird ausgerufen“. Es heißt: Sucht die Fehler und damit die Chance dasselbe sich anders unterscheiden zu lassen. Die soziologische Provokation dieser Losung liegt nicht nur in ihrer ausschließlich rechtlichen oder erzieherischen Normierung sondern ebenso im semantischen Gepäck das jede soziale Situation sachlich grundiert. Hier wäre den frühen Einwänden gegen Luhmanns Systemtheorie entgegenzuhalten, dass eine technologische Beobachtung des Sozialen sich theoriegeschichtlich entgegen des Sprichworts als ein Holzweg im Wortsinn herausgestellt hätte: Ein Weg der zwar nicht durch den Wald auf ein Ziel hin führt, auf dem man aber die Ressourcen und Bestände beobachten kann, mit denen gearbeitet werden könnte und die man vielleicht zu pflegen hätte. Man sollte sich nicht dauerhaft mit dem Kollektiv der Bäume verwechseln, sonst sieht man auch außerhalb des Waldes, dann wieder mit dem Sprichwort, den Wald vor lauter Bäumen nicht. Oder eben die gesellschaftliche Infrastruktur nicht vor lauter Kollektiv. Wenn die Psyche aus dem Kollektiv wieder herausfindet ist die Person ohnehin schon wie in jeder Passage wer anders. Bevor aus den Ressourcen des Kollektivs die Behausungen der Theorie zusammengezimmert werden, würde jede Architektur zuerst ihre eigene Infrastruktur beobachten. Eigentlich ist die aber immer schon da. Keine Beobachtung kommt aus dem Nichts, sonst wäre sie an sich etwas Bestimmtes und damit durch (re-)normierte Erfahrung von Enttäuschungen zu ersetzen, die vom Bewusstsein allein verkraftet aber als ungetestet regelhaft ausgegeben werden. Das wäre eine Schimäre zwischen Alltagswissen und Idolatrie. Und als Kollektiv? Wahres Wissen und rechtliche Norm wären eins und damit unwirksam. Hier liegt die Gefahr der „Inhaltlichkeit“. Die Soziologie hat sich hier im Kontakt mit ihrer Umwelt etwas angeeignet, was man mit Thomas Mann eine „doppelte Optik“, anders eine „Reflexion über Umwege“ oder einfach einen Wechsel des Erwartungsstils vor dem Hintergrund seiner Negation nennen könnte. Sie kommuniziert „in“ Gesellschaft von Personen über und als Gesellschaft. Schließlich kommuniziert sie auch „mit“ Gesellschaft als einem unmöglichen Adressaten, der immer erst im Nachhinein unterscheidbar und nie vollständig beschreibbar wird. Angewandte Soziologie heißt: In der Gegenwart anderer Personen befreit sich die Mitteilung von der Zurechnungszumutung auf eine schon bestimmte Person (also jemand bestimmtes anderes). Sie gibt die Zurechnung wieder frei und Bewusstsein und Psyche hören auf Person nur für jemand anderen oder sich selbst zu sein – und schränken sich durch Öffnung ein. Eine Art Metareflexion. Die Zurechnung der Mitteilung, das lässt sich bei Luhmann klar erkennen, ist eine kontingente, also weder notwendige noch unmögliche, und gerade deshalb mögliche Selektion. Ist das Ignoranz, Reform oder Beliebigkeit? Alles drei wohl kaum. Man könnte wie Peter Fuchs von konditionierter Ko-Produktion sprechen. Uns das inmitten sich „einpendelnder“ Systeme. Die sozialen Erwartungen unterliegen als Strukturen nicht einer normativen, auch keiner kognitiven, sondern einer wechselseitig reflexiven Autopoiesis des Sinns. Das ist weder Konsens noch Dissens, sondern die Fortsetzung des formal Gleichen, aber verändert durch die fortwährende Beobachtung ihrer eigenen Bedingungen. Mitteilungen brauchen kontingente Selektionen ebenso sehr wie bestimmte Annahmen oder Ablehnungen. Personen brauchen eine soziologisch komplexe Reflexion von Zurechnung auf Gesellschaft (das heißt auf Kommunikation und ihre Umwelten) zur Änderung ihrer Erwartungsform. Das könnte eine virtuelle Beobachtungsform der Kommunikation im Zeitalter technischer Systeme sein, wenn sie nicht in eine Gemeinschaftsstruktur oder Isolation des Bewusstseins kippt, die die Beschreibungsmodelle Kommunikation oder Gesellschaft für längst überflüssig hält. Für ein nie ganz still zu stellendes Bewusstsein als Umwelt der Kommunikation muss sie erhalten bleiben, oder auch die Möglichkeit der Person verschwindet und erstarrt zur Maske. Gemeinschaft ist wie eine Population stets bedroht und, deshalb können sich Kollektive das auch rechtlich und politisch vorwerfen, beeindruckend resistent gegenüber ökologischer Komplexität.

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